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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 201

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Geschöpfe beugen. Über diese Paradoxie hat kein Denken Macht. Die Juden sind ihrer zu allen Zeiten durch den Glauben gewiß geworden. In der Sulamith ist an Stelle dieser alten Einheit die natürliche Religion der Aufklärung mit den verschiedenen Nuancen ihrer beiden Abwandlungsmöglichkeiten getreten. Die eine war am wirksamsten durch Leibniz vertreten. Er verteidigte die Mysterien des Christentums als zwar üb er vernünftig, aber durchaus nicht widervernünftig. Aber er sah den Kern der Religion in richtiger Erkenntnis und Tugend. Die christlichen Zeremonien sind, so vorsichtig er das ausdrückt, nur die Abbilder tugendhafter Handlungen und die dogmatischen Formeln nur der Schatten der Wahrheit. Es sind Umzäunungen, die die vollkommene Frömmigkeit umgeben und schützen22). Dieser Überzeugung steht auf jüdischer Seite Mendelssohn am nächsten. Auch er verteidigt das geoffenbarte Gesetz, gleichsam das jüdische Mysterium, und rückt es sogar in die Nähe der GeschichtsWahrheiten, indem er sich auf die Zeugenschaft des jüdischen Volkes am Sinai beruft. Wie Leibniz unterstreicht er die Nützlichkeit des Gesetzes für die „gesellige Verbindung unter den Menschen", um an erste Stelle schließlich doch die ewigen Wahrheiten, die natürliche Erkenntnis zu setzen, die „allen vernünftigen Wesen ... in die Seelen geschrieben, die zu allen Zeiten und an allen Orten leserlich und verständlich sind". Diese ewigen Wahrheiten der Aufklärung sind der Glaube an einen allgütigen und allmächtigen Gott, der die beste der möglichen Welten geschaffen hat23), der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele und der Glaube an eine Vergeltung nach dem Tode. Sie erschienen unwiderleglich, wie die Lehrsätze der Mathematik24). Die zweite Form der natürlichen Religion steht, ohne Gott, Unsterblichkeit und Vergeltung in Frage zu stellen, außerhalb der positiven Religion. Schon Spinoza geht von der Allgemeinheit der Offenbarung an alle Nationen aus. Die geschichtlichen Religionen sind bestenfalls Wegbereiter zur Vollendung. Die höchste Stufe erreicht die Religiosität erst in der Erkenntnis durch das natürliche Licht. Lessing und Herder25) bieten nach Voltaire und den Popularphilosophen die abschließende Formulierung dieser Gedanken. Beide unterscheiden die durch die Scholastik entwickelte Kirche von der Religion Christi und sind ebenso wie Goethe, Schiller und Alexander v. Humboldt Träger einer dogmenlosen Religiosität, die die Gestalt Jesu als des großen Lehrers der Humanität verehrt. Die Sulamith ist ein Spiegel der mannigfachen ineinandergreifenden Variationen der natürlichen Religion. Kaum eine ihrer Möglichkeiten bleibt unausgesprochen. So antwortet z. B. einer der christlichen Mitarbeiter der Zeitschrift, Dr. Richter, auf die Frage, worin das Wesen der Religion bestehe: Ich sage getrost: Nicht in Glaubenslehren, nicht in Zeremonien und Feierlichkeiten, sondern allein in der Sittlichkeit und Tugend; von Glaubenslehren sind nur sehr wenige als wesentlich zu betrachten und in diesen stimmen alle Menschen, wenig Verblendete ausgenommen, miteinander überein, ich meine die Lehren, daß ein einziges Urwesen sei, das die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat, sie erhält und regiert, daß unsere Seele unsterblich sei, und nach diesem Leben ein anderer Zustand ihn erwarte, wo sie nach Maßgabe ihrer Handlungen Belohnung oder Strafe findet, d. h. glücklich oder unglücklich wird. In diesen Lehren herrscht unter den Menschen keine Verschiedenheit. Sie gehören zu 22) Vgl. Dilthey, Gesammelte Schriften (Bd. III), Studien zur Geschichte des deutschen Geistes, Leipzig—Berlin 1927, S.24. 23) Die Probleme der Theodizee sind in der Sulamith nicht gesondert behandelt. Einzelne Äußerungen zeigen jedoch, daß die Sulamith auch in dieser Beziehung ganz der Aufklärung zugehörte; vgl. I, 1, 122 ff., 451; III, 1, 101; III, 2, 263; IV, 1, 31 ff. 24) Vgl. Paul Barth, Geschichte der Erziehung in soziologischer und geistesgeschichtlicher Beleuchtung, 2. Aufl. 1916, S. 338. 25) Über Herders Kampf gegen die „deistische Wasserbrühe" für das Offenbarungserlebnis vgl. jedoch: Doerne, Die Religion in Herders Geschichtsphilosophie, Leipzig 1927, an vielen Stellen. Vgl. in Sulamith I, 2, 120. 201

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