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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 200

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" zählten, innerhalb der Sulamith eben nur Namen geblieben sind, ohne irgendwie auf die innere Haltung der Zeitschrift bestimmend einzuwirken. Es ist bezeichnend, daß z. B. von Goethe nicht etwa ein Gedicht wie der Prometheus in die Sulamith aufgenommen wurde, sondern einige Verse, die eine allgemeine, an keine Konfession gebundene Religion zum Ausdruck bringen20). Von Goethe ist überhaupt in den ganzen neuen Jahrgängen nur noch seine bekannte Äußerung über das Hohe Lied mitgeteilt Von Lessing werden einige Sätze über den Aberglauben abgedruckt. Schiller wird als der unsterbliche Dichter des Liedes an die Freude erwähnt. Die durch die eine Vernunft gesetzte Forderung der Gleichheit und Einheit der Welt, über deren „Sternenzelt ein Heber Vater wohnt", hatte in dem Worte des Chors: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" ihren Ausdruck gefunden. Von Novalis und Jean Paul weiß Frankel nichts weiter mitzuteilen als einige Sätze über das Gewissen und über Abkürzungen im Lesen (IV, 1, 206 ff.). Dagegen bringt fast jeder Band Gedichte des jüdischen „Dichters" Büschenthal, die, bar jeder Anschauung, nur moralisierend von Tugend, Liebesbund und Freundestreue zu erzählen haben. So steht die Sulamith geistesgeschichtlich außerhalb der Bewegtheit ihrer Zeit, wenn sie auch durch ihre Zugehörigkeit zur Aufklärung weit in das neue Europa hineinreicht; denn keine der neuen Strömungen, die die Aufklärung ablösten und sich zu ihr in Gegensatz stellten, ist von ihr unabhängig. David Fränkel und seine Mitarbeiter sind vom Kulturpessimismus Rousseaus, Hamanns und des jungen Herder weit entfernt21) — ihre Zeitschrift ist ja im Gegenteil der Beförderung der Kultur der Israeliten gewidmet: sie kennen auch nicht die Leidenschaft des Sturm und Drang. Fränkel hätte nie Hamanns Wort verstanden, daß die Stimme Gottes nicht aus der Vernunft, sondern aus den Leidenschaften spreche, Sie kennen in ihrem gläubigen Optimismus auch nicht den Weltschmerz der Romantik, der sich gerade aus der Erkenntnis der Grenzen der Vernunft und aus einem tiefen inneren Unbefriedigtsein erklärt. Dennoch haben sie mit rastlosem Eifer am inneren und äußeren Neubau der jüdischen Gemeinden gearbeitet und ihr Organ, die Sulamith, in den Dienst dieser Aufgabe gestellt. Wie sehr die Auffassung ihrer Aufgabe von den allgemeinen Prinzipien der Aufklärung bestimmt war, soll im folgenden Kapitel gezeigt werden, das die Bedeutung der Sulamith für die religiöse Umgestaltung des Judentums in Deutschland zum Gegenstand hat. Die Sulamith gibt zum erstenmal einem neuen religiösen Bewußtsein innerhalb des deutschschreibenden Judentums allgemein-verständlichen Ausdruck. Bisher bestand über zwei Jahrtausende hin eine sich bis in die feinsten Verästlungen hinein erstreckende Einheit zwischen partikularem Gesetz und prophetischem Universalismus. Auf der einen Seite unterstand der Jude mit seinen 613 Ge- und Verboten einem Gott, der nur der seine war, der allein ihn auserwählt hatte und allein mit ihm durch die Offenbarung einen ewigen Bund eingegangen war. Auf der anderen Seite war eben dieser „unser" Gott der König der Welt, der sich erbarmt all seiner Werke und vor dem sich alle 20) Vgl. III, 1, 334. Was ist heilig? Das ist's, was viele Seelen zusammenbindet, usw. 21) Ein Aufsatz über Nutzen und Schaden einer aufgeklärten Erziehung von Dr. Richter nimmt Stellung zum Problem der Kultur. Aber Verf. kommt schließlich über den Standpunkt der alten Aufklärung nicht hinaus (V, 1, 14 ff.). 200

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