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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 199

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Wo war nun innerhalb der verschiedenen möglichen Grundhaltungen des 18. und 19. Jahrhunderts der eigentliche geistesgeschichtliche Ort der Sulamith? Welches war der Maßstab, mit dem ihr Herausgeber an die Bewegungen, die das ganze Deutschland und Europa in politischer, religiöser, pädagogischer, wissenschaftlicher Beziehung umschufen, herantrat? Die Zeitschrift erschien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Trotzdem hat sie im allgemeinen ihre Wurzeln in der Kultur der Aufklärung, und zwar nicht in der kritischen Aufklärung Kants, sondern in der eines Leibniz, Wolf, Nicolai, Engel. Es ist im einzelnen nicht möglich, den Einfluß eines bestimmten dieser Philosophen, deren Vorgänger die großen englischen, französischen, holländischen Philosophen, Naturwissenschaftler, Juristen des 17., 18., teilweise schon des 16. Jahrhunderts waren, zu erkennen. Es ist nur immer wieder auf die Stimmung der Aufklärung hinzuweisen, die über alles gebreitet ist und die die Stellung zu allen Problemen und Tatsachen des Lebens bestimmt. Was heißt Aufklärung? Kant hat in seiner berühmten Abhandlung aus dem Jahre 1784 diese Frage beantwortet und den zu bestimmenden Begriff klassisch als „Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit" formuliert. Er fügt hinzu „sapere aude", wage es, Dich der Vernunft zu bedienen. Die Forderung der Selbstbestimmung, des Freiheitsrechtes der Persönlichkeit, als eines Ur- und Grund-Rechtes der Menschen ist daher das Fundament der Aufklärung. Die neue Weltanschauung unterscheidet sich von der des Mittelalters durch ihre betonte Diesseitigkeit und ihren Naturalismus. Sie setzt den mittelalterlichen Pflichten und Bindungen Rechte und Freiheiten entgegen17). Eine solche Lehre hat ihre Grenzen. Denn eine in allen Menschen wesensgleiche und allgemein gültige Vernunft führt leicht zur Überspannung des Freiheitsbegriffes, zu einer nivellierenden Ausgleichung der Unterschiede, zur Leugnung qualitativer Verschiedenheiten und zur Abschleifung persönlicher Eigenart. Das Verständnis für das Ursprüngliche und Elementare, für das Dynamische und Dämonische ging durch den Kultus der Ratio verloren18). Alle Leidenschaft wird zur Leidenschaft für die Vernunft. Die Sulamith ist erfüllt von diesem neuen Lebensgefühl wie von einer neuen Religion, fast all ihre Äußerungen sind von ihm getragen, „Die Aufklärung19) ist die Hirnmeistochter (bei Mendelssohn war es noch die Religion), die Beglückerin der Menschheit, die Sonne des Heils". Der Vernunft steht die Macht zu, zu sprechen „Es werde Licht**. Sie ist mit ihren ewigen Grundsätzen das Einzige, worin zuletzt die abweichendsten Parteien, die ungläubigsten Sekten, die weit entlegensten Völker übereintreffen müssen (III, 1, 309). Sie ist es, die den einzelnen Menschen adelt und den vorzüglichsten Grund seiner Würde ausmacht, die ihn allein über alle anderen Geschöpfe des Erdenrunds .erhebt und zu einem Nahverwandten der Engel umbildet (IV, 1, 29). Ihre Kräfte müssen daher erweitert und verfeinert werden durch Erlangung der Kenntnis alles Wissenswürdigen, durch Einsicht von allem Schönen und Edlen in der Natur (I, 1, 7, 8). Eine geistige Haltung, die so stark vom Verstandesmäßigen herkommt, hat naturgemäß keinen Sinn für echte Dichtung und für alles unmittelbare Gefühl. Es nimmt daher nicht Wunder, wenn all die Namen der klassischen und romantischen Dichter, die wir oben auf- 17) Vgl. Korff, Der Sturm und Drang im Zusammenhang der Geistesgeschichte, Leipzig 1928, S. 2, 11. 18) VgL Rudolf Unger, Hamann und die Aufklärung, Jena 1911, S. 43, 44. 19) VgL einen Aufsatz über Aufklärung und Aufklärer von Dr. Salomon, Lehrer an der Fränkelschen Schule, späterem Prediger im Hamburger Tempel (II, 1,217 ff.). 199

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