Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259308-2259312-2262938--5044-2262979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" lashon 'ever" „Chevrath shoch're hatuw wehatushiya" wurde, blieb in den Hauptmitarbeitern die Liebe zur hebräischen Sprache und zum jüdischen Volk unvermindert bestehen. So schreibt etwa Euchel auf die Bitte Cohens, den Meaßef neuherauszugeben, verzweifelt, daß niemand mehr hebräisch zu lesen verstehe, und zeigt noch in seiner Klage die innere Verbundenheit zu seinem Erbe15). Fränkel sagt dagegen in seiner Begründung für das Aufhören des Erscheinens des Meaßef in kühler Distanz: für den hellsehenden Gelehrten unter den Juden war die hebräische Sprache kein Bedürfnis mehr (I, 1, 29). In einer Beziehung jedoch bestand eine kontinuierliche Fortsetzung der Meaßef im-Tradition durch die Sulamith: in der schrankenlosen Verehrung Mendelssohns. Sie steigerte sich zumal im Hebräischen bis zur hymnischen Begeisterung. So schreibt z. B. einer seiner Schüler im 2. Jahrgang des Meaßef auf Seite 81 von seinem Lehrer: „Wie ein Saphir und Topas ist er, ein Mann hoch erhaben, und wer findet sich wie er im Lande, vollkommen in seinen Charaktereigenschaften und in der Weisheit ... Er wird unter Königen gepriesen, unter Weisen erhoben und es gibt keinen zweiten neben ihm. Licht unseres Geschlechts, Zierde unseres Volkes, Lust unserer Augen . . . Ein Mann Gottes, heilig ist er." Das wiederholt sich in der Sulamith. ,Moses Mendelssohn sprach zuerst für die jüdische Nation sein schöpferisches „Es werde Licht". „Er schwang sich, als noch finstere Unwissenheit über der jüdischen Nation lag, mit einer edlen Kühnheit, ohne Führer, dhne Unterstützung, zu einer Höhe, die ihn und Sokrates, Zenon, Locke, Cordillac in einen Rang setzte und ihm den Namen eines Plato der Deutschen schaffte." Er ist der Unsterbliche, Unvergeßliche. Man druckt seine Briefe ab und erzählt Anekdoten aus seinem Leben. Aber man kommt über die Bewunderung seiner menschlichen Persönlichkeit nicht hinaus. Kaum finden wir ein tieferes Eingehen auf sein Denken und eine theoretische Auseinandersetzung mit seinen Forderungen, das jüdische Gesetz betreffend. Nur im VIII. Jahrgang (1835, S. 16 ff.) steht ein Aufsatz des Königsberger Rabbiners Dr. Freystadt, der auf die Unhaltbarkeit der theoretischen Position Mendelssohns aufmerksam macht und nachdrücklich darauf hinweist, daß seit Kant das Metaphysische kein Gegenstand unseres Wissens, sondern nur noch unseres Glaubens sein könne, während Mendelssohn in Anlehnung an das Wolfsche System den Glauben hatte, daß die Hauptwahrheiten der „natürlichen Religion" sich beweisen ließen wie irgendein Satz in der Größenlehre. *v Nicht nur bei der Würdigung jüdischer Persönlichkeiten und Richtungen, denen sich die Sulamith verbunden fühlte, und in deren Sinne sie zu schreiben meint, zeigt sich zuweilen ein Mangel an Tiefe; er erweist sich uns auch bei dem Versuch, die Sulamith in das deutsche und europäische Geistesleben ihrer Zeit einzuordnen. Wenn wir die Namen der deutschen und europäischen Autoren durchsehen, die in den einzelnen Jahrgängen der Sulamith erwähnt werden, so finden wir fast alle Vorkämpfer und Träger der großen kulturellen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die am meisten gelesenen Philosophen und Dichter sind in ihr genannt und zuweilen auch mit einigen Sätzen zitiert, so u. a. Spinoza, Locke, Pope, Thomson, Voltaire, Nicolai, Engel, Garve, Ramler, Haller, Gleim, Uz, Hagedorn, Geßner, Geliert, neben Kant die Vertreter der Aufklärung; Rousseau, Klopstock und Herder, ihre Überwinder und Wegbereiter zum Sturm und Drang; die Klassiker Lessing, Schiller und Goethe; die Romantiker Jean Paul, Novalis, Tieck, Sendling. Auch Fichte und Hegel werden, wenn auch abfällig, als Neuscholastiker erwähnt16) (VIII, 1, 17). Schließlich finden sich in den letzten Jahrgängen der Sulamith auch die Namen der bedeutendsten Vertreter des „Jungen Deutschland", Heine und Börne. ") Vgl. Klausner a.a.O., S.246. 16) An anderer Stelle wird Fichte zusammen mit Sendling und Kant dankend erwähnt, wdl er die Vernunft in ihre wahren Schranken gewiesen habe (V, 1,28). 198

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.