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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 197

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" vielmehr über die Älteren geradezu hinweg, indem sie ihrer in bezug auf die äußeren Formen sicher oft nicht unberechtigten Kritik eine verletzende Form gab. Denn wer von denen, die ganz in der Tradition lebten, sollte wohl zuhören, wenn schon die Überschrift einer Aufsatzreihe eine „Galerie schädlicher Mißbräuche, unanständiger Konvenienzen und absurder Zeremonien" ankündigte und wenn von „eiskalten Rabbinern, ihrem verderblichen Einfluß, ihrer Bizarrerie und ihrem intoleranten Despotismus, von Alltagszeloten, schmutzigen und bigotten Orthodoxen und von der Sinnlichkeit ergebenen Schwärmern" die Rede war?10). Dennoch hatte die Sulamith schon auf jüdischer Seite eine geistige und literarische Tradition. Einige Juden, Isak Abraham Euchel, Mendel Breslau und die Brüder Samuel und Simon Friedländer, die sich früh neben ihrer jüdischen eine gewisse europäische Bildung angeeignet hatten, gründeten 1784 in Königsberg die erste in hebräischer Sprache erscheinende Zeitschrift, den Meaßef11), in dem die neue Synthese zwischen Judentum und Welt propagiert wurde12). Auf diese Zeitschrift beruft sich Sulamith ganz ausdrücklich als auf ihre Vorgängerin. Die „vortreffliche Monatsschrift" ist ihr;,ein ehrwürdiges Monument der Humanität". in der Tat verdankt sie ihr mehr, als diese allgemeinen anerkennenden Worte vermuten lassen. Denn der ganze Aufbau der Sulamith hat bis auf Einzelheiten sein Vorbild im Meaßef, nur mit dem Unterschied, daß der Meaßef im allgemeinen hebräisch geschrieben ist und nur einige deutsche Beilagen hat, während in der Sulamith das Verhältnis umgekehrt ist. Auch der Meaßef bringt Gedichte zur Unterhaltung — teils Originale, teils Übersetzungen aus zeitgenössischen Schriftstellern —, Erklärungen schwieriger Bibelstellen, Biographien, pädagogische Aufsätze, Abhandlungen über Geschichte, Tagesnachrichten, Veröffentlichungen von für die Emanzipation wichtigen Edikten (diese in deutscher Sprache) und Rezensionen literarischer Neuerscheinungen. Auch einige talmudische Fragen werden in ihm behandelt. Dies alles ist von der Sulamith aufgenommen worden; im folgenden wird noch auf die Zusammenhänge mit den Meaßefim hingewiesen. Eine Reihe von Mitarbeitern der Sulamith hatte auch Beiträge für den Meaßef13) geliefert, so der Herausgeber der Sulamith, Joseph Wolf, ferner S. J. Cohen, Aron Wolfsohn, Moses Philippsohn, Salomo Löwisohn, David Caro, David Friedländer u. a. Es scheint also fast, als sei die Sulamith die unmittelbare deutsche Fortsetzung des Meaßef. Dem ist aber doch nicht so. Durch die hebräische Sprache war der Meaßef von vornherein enger an die Tradition gebunden, und solange Männer wie Wessely und Mendelssohn für ihn schrieben, war es selbstverständlich, daß Verstöße gegen den Takt unterblieben14), und auch in späteren Jahrgängen, als der Meaßef aggressiver wurde und als aus den „Dor'she 10) Vgl. I, 1, 165 ff., 324, 174, 184, 129, 223; I, 2, 149 und an vielen anderen Stellen; in späteren Jahrgängen hörte die agressive Tendenz auf, weil man mit der Tradition nicht mehr als mit einem bestimmenden Faktor rechnete. u) Der Name ist übrigens einer alten moralischen Wochenschrift, dem „Sammler", aus der ersten Hälfte des 18. Jahrh. entlehnt. ") Näheres über die Zeitschrift vgl. in neuerer Zeit u. a. Joseph Lin, Hebräische Presse, Berlin 1928, Klausner a.a.O., S. 131—176, Bernhard Wachstein, Die hebräische Publizistik in Wien, 1. Teil, Wien 1930. 13) Er war 1797 zuletzt erschienen und wurde erst wieder 1809 von S. J. Cohen herausgegeben. Es erschien dann noch 1809 in Berlin, 1810 in Altona und 1811 in Dessau. 14) Vgl. Wesselys entschiedene Zurückweisung einer voreiligen Bemerkung über im Volk verbreitete Höllenvorstellungen, Meaßef 1787, S. 165. 197

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