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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 196

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" bekannten Mitarbeiter handelt, sondern um die Wirkungder Sulamith als einer Ganzheit. Das jüdische Mittelalter reicht bis zum Eintritt Mendelssohns in die deutsche und europäische Kultur. Welchen Sinn und welche Realität verkörpert es? Zweifellos stellt es nicht nur eine geschichtliche Vergangenheit dar, an die uns wissenschaftliches Interesse bindet, sondern es ist ein in sich ruhender Eigenwert, der uns zur Auseinandersetzung fordert und sich uns nur dann mitteilt, wenn wir ohne den Hochmut des Besserwissens und des Darüberhinausseins uns ihm in ernster Bemühung erschließen. Das ist gewiß: das jüdische Mittelalter hatte nicht unseren Begriff der Wissenschaft. Es hatte seine Entartung und seine Häßlichkeit. Aber es hatte, als Gesamtheit betrachtet, den einen großen Mittelpunkt, um den sein ganzes Leben und Denken gelagert war und zu dem der einzelne Jude immer wieder, am Tage viele Mal, bewußt und unbewußt, zurückkehrte. Und dieser Mittelpunkt war Gott, der sich durch seine Thora, die schriftliche und vor allem die mündliche, immer erneut offenbarte und dem man durch die Mizwot immer wieder begegnen konnte. So waren auch Freude und Schmerz, Liebe und Haß nicht in ihrem Vorhandensein oder in ihrer Leidenschaftlichkeit von den gleichen Affekten des modernen Menschen unterschieden, sondern dadurch, daß auch sie auf irgendeine Weise in Beziehung zu Gott standen oder gebracht wurden. Und der Jude lebte bei aller äußeren Entrechtung und bei allem Gehetztsein in der Selbstverständlichkeit und dem stolzen Bewußtsein, den einzig rechten, durch gültige Zeugenschaft der 600 000 am Sinai bestätigten Glauben zu besitzen. Schon die Generation Mendelssohns, soweit sie mit dem deutschen Kulturkreis in gewollte Verbindung trat, hatte im allgemeinen dieses große innere Erfülltsein des wirklichen Glaubens, die brennende Liebe und den starken werbenden Willen zum Studium des Gesetzes und seine Erfüllung um seiner selbst willen, einfach deshalb, weil es Gott befohlen hatte und weil es dem Leben den letzten und einzigen Sinn gab, nicht mehr. Das fühlten die Rabbiner und all die, die sich gegen die „Neuerer" wandten — die doch zuerst die Grundsätze der Tradition gar nicht leugneten und ihre Forderungen praktisch erfüllten — nur zu gut, und aus diesem sicheren Instinkt erklären sich die stille Resignation, aber auch der lärmende Protest der „Altfrommen". Sie sahen nicht das Anziehende, Belebende, den Geist in ungeahnte Höhen und Weiten Führende, das sich jetzt den Juden durch den Anschluß an europäische Kultur darbot; sie ahnten nur aus einem tieferen, wenn auch ganz unbewußten Geschichtssinn für das Besondere ihres Volkes und seiner Religiosität, daß das Ende der neuen Freiheit auch das Ende der Juden und ihrer Thora sein könnte. Es war nicht so wesentlich, daß der große Teil der Neuerer die Mizwot noch erfüllte. Von Bedeutung für den Unterschied der Generationen war, daß die Thora offenbar aufgehört hatte, das Einzige und Höchste zu sein, das man mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft liebte. Denn neben die Thora Gottes war jetzt Thorath ha'adam, allgemein menschliche Kenntnis, allgemeine Vernunft, getreten. Und wenn schon eine so ganz in den Formen des alten Judentums lebende und vornehm zurückhaltende Persönlichkeit wie Wessely der allgemeinen natürlichen Erziehung zeitlich den Vorrang gegenüber der religiösen Unterweisung gab9), so ist es begreiflich, wenn auch nicht grundsätzlich notwendig, daß es keine Brücke zwischen den beiden Lebensauffassungen gab. Zu der alten Welt, die das Gesicht des jüdischen Volkes über anderthalb Jahrtausende in die Ewigkeit hinein formte und ihm eine höchste, Maß und Gewicht in Gott tragende Geschlossenheit verlieh, sprach unsere Sulamith nicht mehr, auch wenn sie immer wieder beteuerte, sich an alle „belehrend" und „schonend" zu wenden. Sie schritt 9) Vgl. Joseph Klausner, Historia schel haßifruth ha'iwrith hachadasha, Jerusalem 1930, S. 106, 7. 196

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