Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Münchener Judenbeschreibung von 1804
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 6)
- Language
- German
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Werner Cahnmann. Die Münchener Judenbeschreibung von 1804 nicht allzu große Zahl wäre im Hinblick auf die allgemeine Berufsstruktur und die überwiegend dörfliche Herkunft der süddeutschen Juden zu Beginn des IQ. Jahrhunderts wie in Anbetracht des nahezu völlig agrarischen Charakters des kurfürstlichen Altbayern ziemlich verwunderlich, wenn die Münchener Judenschaft eine eingeborene Bevölkerungsgruppe gewesen wäre. Sie war aber in ihrem Entstehen, in das wir mit Hilfe der Beschreibung von 1804 hineinblicken können, eine Einwanderungsgemeinde der ersten Generation, deren Geschäfte in erster Linie der Befriedigung zusätzlicher Bedürfnisse des Staates, besonders der Armee sowie des Hofes und der vornehmen Familien dienten. Ein gutes Drittel der München er Juden von damals, im ganzen 34 Personen, geben ein Hoffaktorspatent an oder können aufgrund sonstiger Angaben als Staatslieferanten bezeichnet werden. In dieser Beziehung sind die Gruppen I und III zusammenzuhalten10). Denn auf welchen Gebieten beanspruchte der kurbayerische Staat die Dienste der Juden? Es waren die Gebiete, auf denen das zünftige Handwerk und die eingesessene, aus ihren altgewohnten Gleisen höchst selten heraustretende Kaufmannschaft dem Bedürfnis des absolutistischen Staates nicht dienen konnte: Geldgeschäfte und Geldsortengeschäfte aller Art, die den Staatsfinanzen aufhelfen sollten, Import von Luxusgegenständen und Lieferung von Lebensmitteln, vor allem von Getreide, sowie von Pferden und Fourage für den Bedarf der Armee11). Die Jahre 1804 und 1805 bezeichnen den Höhepunkt der Napoleonischen Ära, die von ständigen Kriegen erfüllt war und erhöhte Aufwendungen des Staates notwendig machte. Hinsichtlich der Dauer des Aufenthaltes der im Jahre 1804 registrierten Juden in der Landeshauptstadt ist zu sagen, daß 29 Personen über 20 Jahre, 24 Personen 5—20 Jahre, 21 Personen 1—5 Jahre und 13 Personen kürzer als ein Jahr in München wohnten. Bei 11 Personen fehlt eine nähere Angabe. Ausdrücklich bezeichnen sich 6 Personen als nur „vorübergehend" anwesend, 4 von ihnen gehören zu der Gruppe, die sich unter einem Jahr in München aufgehalten hat. Unter den 29 Personen mit einer Aufenthaltsdauer von mehr als 20 Jahren befinden sich mehrere, die bereits seit ihrer Kindheit, gilt der Satz aus den Memoiren der Glückel von Hameln: „Ein Jud nascht von jeder Sach". Eine organischere Kombination ist die des Moses Gallinger aus Mannheim, von dem es im Eintrag heißt, er handle „mit verschiedenen innländischen Fabrikaten, als Leinen, Tuch, Flünsl (?), Knöpfe, Roßhaar, die er nach Mannheim schickt, dagegen er Kirschen, Wein, Zucker, Käß u. dgl. einhandelt". 10) Von den 34 Hoffaktoren und Staatslieferanten gehören 21 der Gruppe I (Geldhändler, Juwelenhändler u. dgl.) und 4 der Gruppe III (Händler mit Gütern und landwirtschaftlichen Produkten) an. Viele von ihnen betreiben staatliche und höfische Geschäfte im Rahmen sonstiger geschäftlicher Betätigung, einige andere dagegen geben sich ausschließlich mit solchen Geschäften ab. So z. B. Isaak Maron Levi aus Hanau, von dem es im Eintrag heißt: „Treibt keine Handelschaft und sein hiesiges Geschäft ist, für einen fremden Fürsten ein Gut in Bayern zu kaufen". Andere wie der unter Nr. 79 erwähnte Königl. Preußische Kammeragent Elkan Henle, Sohn des Churbayerisch. Hoffaktors Jakob Henle aus Fürth, weisen ausdrücklich auf Lieferungsgeschäfte „für diesseitiges Militair" hin. Der privilegierte Jude Westheimer beruft sich darauf, daß seine Geschäfte mit der Stadt wie mit der Landschaft während der Zeit der französischen Besatzung für ihn verlustbringend gewesen seien. n) vgl- Hümmert a. a. O. und Sundheimer, Die jüdische Hochfinanz und der bayerische Staat im 18. Jahrhundert (Finanzarchiv, hgg. v. Schanz, 1924). 185