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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 153

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 2-3
Article
Süßkind von Trimberg
Date
1937-01-01
Page
Seite 153 (sequence 16)
Language
German
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Meier Spanier. Süßkind von Trimberg alter Sitte den Kopf zu bedecken pflegen, den langen Bart aus ähnlichem Grunde, den langen deutschen Mantel und das demütige Auftreten. Er erwähnt nicht das „jüdisch Ringlein". Danach darf man aber nicht die Datierung feststellen wollen, wie es Graetz tut, denn bekanntlich hat es noch lange gedauert, bis die Bestimmungen der Lateran-Synode von 1215 wirklich allgemein und streng durchgeführt wurden. Auch der wahrscheinlich nach 1300 wirkende Schweizer Maler der Handschriftbilder hat den Juden anders zu charakterisieren gewußt als durch das Abzeichen. Man braucht aus dieser Strophe nicht zu schließen, daß S. nun endgültig seiner Kunst entsagt hätte. Wenn er recht beliebt war — vielleicht hatte er eine besonders schöne Stimme, die man gern hörte —, war die Ankündigung seines Abschieds ebensowenig ernst gemeint wie bei manchen modernen Künstlern, sondern hatte leicht durchschaubare Nebenabsichten. Man hat es seltsam gefunden, daß ein Jude äußern sollte, er wolle in alter Juden Leben fortan sich bewegen, und hat mit dieser Bezweiflung die weitest gehenden Schlüsse gezogen. Man hat anscheinend nicht bedacht, daß diese Ankündigung im Munde eines Nichtjuden doch noch viel seltsamer wäre. Man darf annehmen, daß Süßkind, wenn er sich den Fahrenden angeschlossen hat, in manchen äußerlichen Dingen (in Haar- und Barttracht, Kleidung, in gewissem Sinne auch in der Lebensweise) sich ihnen assimiliert hatte. Da ist es durchaus begreiflich, daß er nun, da er seine Kunst aufgeben will, sich völlig der Gemeinschaft wieder anzuschließen gedenkt, der er sich durch seinen Ausnahmeberuf immerhin zeitweise entfremdet hatte. Hier ist der Ort, zwei haltlose Behauptungen von jüdischer Seite zurückzuweisen. Gelbhaus56) meint, Süßkind habe die Poesie „nur theoretisch als Dichter und nicht praktisch als Spielmann gepflegt, denn mit solchen Wanderungen waren die Übertretungen der Speisegesetze und die Vernachlässigung der vorgeschriebenen Observanz unumgänglich [?] verbunden". Süßkind, „der höchstwahrscheinlich in strenggläubigen Kreisen geboren und aufgewachsen war, da er doch bloß in einer frommen Umgebung eine fromme Gesinnung in sich aufzunehmen vermochte (G. findet eine in seinem Sinne fromme Gesinnung nämlich in Süßkinds Gedichten!), konnte seine Kunst nicht als wandernder Minnesänger auf den Edelhöfen vorgetragen haben". Was hier eine aufs engste eingezwängte Phantasie sich ausmalt, ist in Prämisse und Folgerung unbegründet; denn der Reichtum der Möglichkeiten in Lebensgestaltung und Schicksal wird hier völlig außeracht gelassen. Die Vermutung Goldbaums57), daß Süßkind zum Christentum übergegangen sei und nun „in grollendem Unmute den Glaubenswechsel bereute", ist ebenso haltlos. Denn wie seine Verse verraten, hat er sich als Jude gefühlt und die Sache seiner Brüder nie im Stiche gelassen. Man hat aus jener vermeintlich anstößigen Stelle schließen wollen, daß das Judesein des Autors von dem Sammler der Handschrift eben aus dieser Stelle leichtsinnig gefolgert sei. Roethe hingegen „scheint es richtiger, vielmehr die Echtheit des Tones anzuzweifeln, der eben jener Äußerung wegen dem einzigen jüdischen Dichter der Handschrift zugeteilt wurde. Diese Lösung wird auch dadurch empfohlen, daß Ton V der letzte der Sammlung ist (denn Ton VI ist mit Ton II identisch) und daß er in seinem metrischen Charakter den übrigen fernsteht. Hat man nun aber aus Ton V gefolgert, daß der Dichter ein armer Schlucker gewesen sei, ... so wird es vorsichtiger sein, diese biographischen Züge beiseite zu lassen. Aus den sicher echten Gedichten ergibt sich für des Dichters Leben nichts rechtes." Die Begründung, die Roethe für die Unechtheit der Gedichte Nr. 10 und 11 anführt, ist durchaus nicht stichhaltig, aber bei dem Ansehen, daß dieser Germanist mit Recht genießt, hat seine Meinung fortgewirkt. Noch in der letzten Äußerung eines hervorragenden Kenners der mittelhochdeutschen Literatur ist ihr Einfluß zu spüren. „Eine seltsame Gestalt ist Süßkind von Trimberg, ein Jude, ein armer Teufel, den zu Hause die Not aus allen Ecken sieht und die Kinder weinen. Die Herren wollen ihm für seine Kunst nichts geben, so will er demütiglich seine *«) a.a.O. 83. 57) S.278. 153

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