Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Süßkind von Trimberg
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Meier Spanier. Süßkind von Trimberg Adeliges Tun achtet man nicht gegenüber einem „Zettel", der Adels- oder Lehnsurkunde. Diese Erklärung entspricht der Meinung Konrad Burdachs (brieflich). Doch erscheint auch möglich, gein eim zedel als eine verstärkte Negation aufzufassen, vorausgesetzt, daß man zedel schon in der Bedeutung Belangloses annehmen darf15). Die Übertragungen „Sieht seinen Adelsbrief (?) man auch für Fetzen an" (Schmolke), „Mag seinen Adelsbrief auch einen Wisch man schelten" (Badt) treffen jedoch nicht den genauen Sinn. Süßkind spricht hier übrigens Gedanken aus, die in jener Zeit außerordentlich häufig geäußert werden. So sagt Bruder Wernher: man giht, daz nieman edel Si, niwan der edelichen tuot, und Reinmar von Zweter widmet diesem sonst besonders von bürgerlichen Fahrenden gern behandelten Thema mehrere Sprüche16), aus denen die Tendenz herausklingt: nieman ist edel, ern tuo dan edellichen17). Ganz ähnlich Freidanks Bescheidenheit und der Winsbecke (Anfang des 13. Jahrhunderts), vgl. auch Friedrich Vogt, der Bedeutungswandel des Wortes edel, Marburg 1909, S. 13 tf. Roethe1*): „Das war so "recht ein Gedanke im Geschmacke der selbstbewußten Vaganten, es war ein Gedanke, gerade geeignet, in einer Zeit des aufstrebenden Bürgertums fruchtbar zu wirken. An sich keineswegs neu (Waitz, Verfassungsgeschichte V, 405, Anm. 3), war ers doch, insofern er in den Dienst einer neuen Tendenz trat und war eben dadurch weithin freudiger Zustimmung sicher. Nur erwartet man nicht gerade von einem Ritter, daß er für einen so demokratischen Grundsatz in die Bresche tritt So ist denn jene Betrachtung vom wahren und falschen Adel ein Lieblingsthema hauptsächlich für bürgerliche Spruchdichter gewesen." Zu Vers 5. adel—hadel. Roethe19) bemerkt zu diesem Verse in seiner Weise: „Der Jude Süßkind witzelt" — aber es ist doch nur ein Wortspiel, wie ähnliche Roethe selbst bei anderen Fahrenden nachweist. Der Ritter Reinmar von Zweter witzelt, wenn er urteilt: turnieren was e ritterlich, nü ist ez rinderlich20). Zu Vers 7/8. Die gleichen Reimworte bei Reinmar Spruch 172. Die bildliche Anwendung von gezimmer ist im Mittelhochdeutschen nicht selten. Nach Reinmar begründet Demut das gezimmer der Tugend. Wenn das Fundament fehlerhaft ist, wankt das gezimmer21). Zu Vers 9 und 10. Ein Anklang an Reinmar von Zweter Spruch 81! Reinmar unterscheidet den Adligen des Geschlechts von dem, der von sinen tugenden edel unt nicht von hohem namen. Diesen, der sich vor Untugenden künde schämen, zieht er vor. Also der gleiche Reim. Man beachte die Kunst im Bau der Strophe. Sie ist dreigliedrig. Die beiden ersten Teile, Stollen genannt, entsprechen einander; sie sind gebunden durch die Reime des dritten und sechsten Verses und den Schlußreim des dritten Teils (Abgesang) nach zwei gekreuzten Reimen und einem Dreireim. Die melodische Weise zu diesem Spruche ist uns leider nicht überliefert. Auch die sog. Sprüche, zumeist einstrophige Gedichte, wurden gesungen. Die gleiche Weise gilt für die beiden folgenden Sprüche und wohl auch für 6, 7 und 8. Es scheint also eine Lieblingsform Süßkinds gewesen zu sein. Daß nun Strophen sehr verschiedenartigen Inhalts in der gleichen Weise gesungen wurden — bei dem ernsten Grundcharakter all seiner Sprüche ist das bei Süßkind nicht einmal sonderlich auffallend —, darf nicht verwundern, da in jener Zeit die Melodie keineswegs zum Ausdruck des Gefühlsgehalts der einzelnen Worte diente, .sondern eher als köstlicher Schmuck der Rede galt Daß die Textform dem rhythmischen Schema der Melodien im allgemeinen entsprechen mußte, versteht sich von selbst Aber der musikalischen Kunst des Vortragenden war es sicher überlassen, die besonderen Feinheiten in der Rhythmik des Verses, in der Art und Anordnung der Reime durch den Gesang zur Geltung zu bringen. 15) Vgl. daz vrümet vor schänden niht gegen eime hare, v. d. Hagen, Minnesänger, II, 235 und auch DWB. 4, 1, 2, 2217. 16) 79—82. ") Spruch 80 Schluß. 18) in seiner Ausgabe Reinmars von Zweter S. 231. ") a.a.O. S. 335. 20) Spruch 106. 21) Welscher Gast 12025. 143