Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die jüdischen Gemeinden in Elsaß-Lothringen 1871 - 1918
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 8)
- Language
- German
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Max Dieneinann. Die jüdischen Gemeinden in Elsaß-Lothringen 1371—1918 Zahlreiche Gemeinden hatten Vereine, in denen das Thoralernen gepflegt wurde. Entsprechend der im Berichtsabschnitt überall hervortretenden Tendenz, dem Hausbettel der Wanderarmen durch Kassen abzuhelfen, die an Stelle der Einzelnen dem um Hilfe nachsuchenden fremden Armen Unterstützung gewähren sollten, hatten sich vielerorten solche Kassen gebildet. Es gab eine Anzahl teils aus früherer Zeit überkommener, teils neugebildeter Wohlfahrtsanstalten. Alters - versorgungshäuser bestanden in Hagenau (gegründet 1856), Straßburg, Mülhausen (1863), Rappoltsweiler (noch vor der französischen Revolution gegründet), Hegenheim (gestiftet und unterhalten von der Israelitischen Gemeinde Basel, gegründet 1874), Metz (1700). Jüdische Krankenhäuser hatten Straßburg (1878), Mülhausen (zugleich Altersasyl), Metz (zugleich Altersheim). Ein Waisenhaus für Mädchen hatte Straßburg (1862), eines für Knaben (1906) Hagenau. In Straßburg waren auch ein Israelitisches Mädchenheim (190S) und ein Israelitischer Verein für Ferienkolonien. Einen besonderen Zweig der Sozialarbeit dienten die der Zuleitung zum Handwerk gewidmeten Gewerbeschulen, die Israelitische Kunst- und Gewerbeschule in Straßburg (1S19) und die Israelitische Gewerbeschule in Mülhausen (1S42). Es konnte nicht ausbleiben, daß manche der gerade um die Jahrhundertwende in Gesamtdeutschland und für das jüdische Leben in Deutschland charakteristischen, neu auftretenden Arbeits- und Organisationsformen, wenn auch zögernd und nicht mit der gleichen Intensität wie anderwärts, auch in Elsaß-Lothringen Eingang fanden. Die religiöse Reformbewegung hielt sich auf einer mittleren Linie. Es kam nirgends zur Einführung neuer „liberaler" Gebetbücher. Die 1908 begründete Vereinigung für das liberale Judentum konnte in Elsaß- Lothringen nicht Fuß fassen und hatte nur wenige Mitglieder. Im allgemeinen hielten die Gemeinden in ihrem offiziellen Kultus die Linie ein, die man heute als die der Religiösen Mittelpartei bezeichnen würde. Eine Orgel als sinnfälliger Ausdruck eines reformierten Gottesdienstes hatte vor 1870 nur die Gemeinde Straßburg. Nach 1870 wurde Orgel oder Harmonium in den Gemeinden Hagenau, Weißenburg, Wolfisheim, Schlettstadt, Mülhausen, Colmar, Metz, Thionville, Saargemünd und Saarburg eingeführt. Die sog. Austrittsbewegung führte nur in Straßburg zur Gründung einer separaten orthodoxen Gemeinde. Altstraßburger orthodoxe Familien im Verein mit zugezogenen Orthodoxen gründeten 1881, um dem Gewissenszwang zu entgehen, den der Besuch einer Orgelsynagoge für sie bedeutete, die Israelitische Religionsgesellschaft. Sie erreichten es nach lebhaften Kämpfen, daß diese Gemeinde außerhalb der Konsistorialordnung blieb und dem Konsistorium nicht unterstellt wurde. Einige der ihr angehörenden Mitglieder blieben auch Mitglieder der Hauptgemeinde. Manche traten der orthodoxen Gemeinde nicht nur aus religiösen Gründen bei, sondern auch weil sie, aus Deutschland gekommen, sich zu den aus Deutschland stammenden Rabbinern der Gemeinde hingezogen fühlten. Die Bewegung zur Gründung von Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur, die im Reich eine machtvolle und segensreiche Organisation zeitigte, führte in Elsaß-Lothringen an 9 Orten zur Gründung solcher Vereine, in Diedenhofen, Großblittersdorf, Hochfelden, Ingweiler, Metz, Mülhausen, Saargemünd, Schlettstadt, Westhofen. Nicht 84