Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die jüdischen Gemeinden in Elsaß-Lothringen 1871 - 1918
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 7)
- Language
- German
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.Vlax Dienemann. Die jüdischen Gemeinden in Elsaß-Lothringen 1S71—191S wesentlich der gerade in dieser Periode scharf einsetzende Geburtenrückgang- In Oberelsaß hatten einen in Betracht kommenden Zuwachs Colmar 1139—1212, St. Ludwig 47—173, Mülhausen 1997—22S7; halbwegs konstant blieben Gebweiler 335—295 und ein paar kleine Ortschaften, wie z.B. Münster 39—43, Markirch 149—126, Felleringen 42—48, sonst ergibt sich auch hier überall ein mitunter ganz erschrecklicher Rückgang. Wiederum nur einige Stichproben: Altkirch 287—191, Nieder-Sept 216—70, Dürmenach 373—137, Horburg 339—134, Herlisheim 252—76, Winzenheim 626—249, Hattstadt 279—129, Salzmatt 267—46, Bollweiter 190—92, Sulz 392—110, Habsheim 154—44, Rixheim 187—46, Blotzheim 203—25, Hesenheim 413—82, Niderhagental 321—71, Bergheim 251—64, Rappertsweiler 251—84, Lennheim 212—113, Thann 287—150, Grußenheim 347—160. Es sind Ortschaften zu verzeichnen, allerdings mit besonders geringer Ziffer in 1871, aus denen die jüdische Bevölkerung völlig abgewandert ist. In Lothringen stellt sich die Bewegung der jüdischen Bevölkerung folgendermaßen dar: gewachsen waren Metz 1496—1911. Busendorf 75—113, Freisdorf 45—62, Montigny 47—61, Falkenberg 50—70, Diedenhofen 187—332, Haysingen 79—158, Mayeuvre 6—45, Moerchingen 4S—111, St. Avold 99—124, Saargemünd 364—436, Bitsch 5—76. Man kann hier kaum vom „Zug in die Stadt'' reden, hier werden gewisse Indiistrieorte und Garnisonstädte eine bestimmte Anziehungskraft ausgeübt haben. In Lothringen sind einige Ortschaften zu verzeichnen, in denen 1871 keine und 1910 eine, allerdings sehr geringe Zahl von jüdischen Einwohnern (zwischen 7 und 35 Seelen) festgestellt wurde. In diesem Bezirk ist zugleich eine nicht unerhebliche Zahl von Ortschaften, aus denen die jüdische Bevölkerung, 1871 meist auch nur in sehr geringer Zahl ortsanwesend (vereinzelt stärker, z. B. Silly 46, Tragny 79, Louvigny 112), völlig abgewandert ist. Ziemlich konstant blieben einige Ortschaften, z. B. Kürzel 74—60, Insmingen 92—91, Groß-Hettingen 39—39, Königsmachern 59—56, Saarburg 374—371, Groß-Blittersdorf 221—190. Sonst ist überall ein Bevölkerungsrückgang festzustellen; auch hierfür nur einige Stichproben: Boichern 191—126, Niederwiese 112—76, Kriechingen 110—33, Steinbiedersdorf 80—14, Delme 200 —113, Dieuze 174—127, Büdingen 104—75, Forbach 216—171, Heliimer 195—85, Püttlingen 211—140, Finstingen 10C—59, Pfalzburg 1S5—106, Imlingen 159—50, Bliesbrücken 124—37. Über den Zusammenhang des Rückgangs mit Abwanderung und Geburtenabnahme gilt für Lothringen und Oberelsaß das schon bei Unterelsaß Angeführte. Die jüdisch-konfessionelle Wohltätigkeit galt als Teil der allgemeinen freien Wohlfahrtspflege. Einige mit der Tradition der jüdischen Gemeinde verbundene Tatsachen seien erwähnt. In den Gemeinden wirkten, soweit Mitglieder in nennenswerter Zahl vorhanden waren, ihre traditionellen, dem Dienste an Sterbenden und Toten gewidmeten Männer- und Frauenvereine der „Heiligen Bruderschaft". Fast überall waren die üblichen Armenvereine und die Frauenvereine vorhanden, auf denen die Wohlfahrt und ein Teil des Gemeindezusammenhalts beruhte. Die Frauenvereine trugen häufig, weil einer der Hauptzweige ihrer Betätigung von altersher die fleißige Anfertigung von Kleidern und Strickgegenständen für die Armen waren, die Bezeichnung „die Bienen — les abbeilles". Während sich in Lothringen in diesen Vereinen eine Zusammenarbeit von Altelsässern und Eingewanderten leichter ergab, bestanden im Elsaß Spannungen. Teils sah man von Seiten der Altelsässer den Eintritt der Juden aus Deutschland nicht gern, teils fühlten die aus Deutschland Zugezogenen, daß sie nicht freudig begrüßt wurden. Es kam daher in Straßburg, dem Ort, an dem die meisten Juden aus Deutschland wohnten und an dem sie durch ihre Zahl und Stellung einflußreich waren, vielfach dazu, daß parallele Vereine entstanden, in denen die Juden aus dem Reich ihre religiös-sozialen Aufgaben zu erfüllen suchten. Diese unterstanden nicht dem Konsistorium und waren in ihrer Selbstverwaltung völlig frei. 83