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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 75

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 2-3
Article
Die geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts und das Judenproblem
Date
1937-01-01
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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Sclma. Stern-Täubler. Die geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts und das Judenproblem gläubiger Protestant0). Er war zwar völlig frei von jeder dogmatischen Enge, er besuchte in gleicher Weise den Gottesdienst der Lutheraner wie den der Calvinisten und trachtete leidenschaftlich danach, die beiden feindlichen Bekenntnisse miteinander zu versöhnen. Aber seine Auffassung von der tiefen Verbundenheit jeder Kreatur mit ihrem Schöpfer, von der unmittelbaren, alleinigen Verantwortung aller Taten vor dem eigenen Gewissen hatte mehr Verwandtschaft mit Luthers Glauben als mit dem eigenen kalvinistischen Bekenntnis, dessen starre Prädestinationslehre er ablehnte. Trotzdem war er wiederum fest überzeugt, daß Gott ihn und sein Haus auserwählt habe vor allen, um den brandenburgisch-preußischen Staat zu beherrschen. Diesem gläubigen Protestantismus, mit dem er die große Idee von der Autorität und Unantastbarkeit der weltlichen Herrschaft verband, entsprach seine heftige Abneigung gegen alle Sekten, gegen die vom Großen Kurfürsten einst geschützten Arianer und Socinianer, gegen die Atheisten und Menoniten, die ihm durch ihren persönlichen Glauben die Einheitlichkeit seines Staates zu gefährden schienen. Er duldete zwar die katholische Religion, wiewohl er sie für schädlich hielt, aber er lehnte die Aufnahme von Katholiken als Beamten seiner neuen Zentralbehörde ab und befahl, daß man seinem Sohn so „viel als immer möglich Abscheu vor dem Katholizismus beibringe". Er haßte die Jesuiten, diese „Vögel, die dem Satan Raum geben und sein Reich vermehren wollen", er verjagte sogar den Philosophen Wolff, dessen Staatslehre er schätzte und dessen l heorien er nachlebte, und verbot ihm den Aufenthalt in Halle bei Strafe des Strangs, weil er ihm als Irrlehrer und Gottloser geschildert worden war. Er zwang, gleich den patriarchalischen Kleinfürsten des 16. Jahrhunderts, die in der Bewahrung der reinen Lehre die Hauptaufgabe der Regierung sahen, seine ganze Umgebung, ja seine Beamten und Soldaten durch Strafe und durch Drohung, die Kirche zu besuchen und alle religiösen Vorschriften bis ins kleinste zu erfüllen. „Wir sind hier protestantisch bis auf die Knochen", belehrte er den Hofmeister seines Sohnes. Und in diesem ganz naiven, ganz primitiven Sinn sah er in den Juden die Nachkommen derer, die einst Jesus Christus zum Kreuze geführt hatten. Die derben Späße, durch die er seine jüdischen Untertanen peinigte, von der Anekdotenliteratur der Zeit getreulich aufgezeichnet, spiegeln diese Stimmung auf das genaueste wieder. In den Marginalien, die er in seiner unorthographischen, schwer zu entziffernden Schrift und in seinem polternden, schlechten und doch so bildhaften kernigen Deutsch an den Rand der Judenakten schrieb, gab er diesem ganz persönlichen Haß gegen die Juden als der Pest und dem Verderben des Landes immer wieder lauten und offenen Ausdruck. Aber neben dem König standen als Vertreter einer neuen anderen Zeit, seine Beamten. Man muß dieses Beamtentum Friedrich Wilhelms I. kennen, um die Judenpolitik des Königs zu verstehen. Denn obwohl Friedrich Wilhelm L, dieser starrste Repräsentant des Absolutismus, der seine Souveränität wie einen Felsen von Erz begründete, sich selbst als den Feldmarschall und Finanzminister des Königs von Preußen bezeichnete, haben ihn seine Minister beeinflußt und gestützt, ihm widersprochen und ihn bekämpft, wenn er gegen die Lehren der Staatsräson verstieß. Und diese vom König in strenger Zucht zur Treue und zum Fleiß, zur Unbestechlichkeit und zu einer neuen und reinen Staatsgesinnung erzogenen Beamten, die dem alten Preußen sein nüchternes, ehrliches und hartes Gepräge gaben, diese Gelehrten 8) Beneckendorff, Karakterzüge aus dem Leben Friedrich Wilhelms I. nebst verschiedenen Anecdoten, 1787; Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck, Beiträge zur Bereicherung und Erläuterung der Lebensbeschreibungen Friedrich Wilhelms I. und Friedrich des Großen, 1836; Die Briefe König Friedrich Wilhelms I. an den Fürsten Leopold zu Anhalt-Dessau, 1704—1740 (Acta Borussia, Ergänzungsbd., 1905); B. Rogge, Die Stellung der Hohenzollern zu Religion und Kirche, 1915. 75

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