Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259308-2259310-2262568--4783-2262662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser Das ist eine so kurze Zusammenfassung der Grundgedanken jüdischer Theologie, daß sie zunächst kaum einen Anhaltspunkt zu individuellem Vergleich zu bieten scheint, es sei denn die Polemik gegen jede menschliche Selbstherrlichkeit, die hier ebensowohl der Hervorhebung des Offenbarungsbegriffes dient, wie sie sich aus dem aktuellen Anlaß des Briefes erklärt. Da im Bibelschen Orient der Offenbarungsbegriff als gegeben vorausgesetzt wird, fehlt dort eine entprechende Wendung. Bei genauerem Zusehen ergibt sich aber doch ein sehr eigenartiger Zug in der hier angenommenen doppelten Form der Offenbarung: des schriftlichen Gesetzes als „unmittelbar im Worte gegeben", des mündlichen, das Gott nicht nur gegeben, sondern auch selbst — also ohne menschliches Zutun! — „im Geiste traditionell in der Zeit fortgepflanzt hat/'. Der Bibelsche Orient nun widmet dieser Frage eine eigene große Anmerkung bei der Behandlung der Karäer, gegen die er sich darin, dem Grundsatz nach, auf den Standpunkt der Pharisäer stellt, und zwar mit einer Theorie dauernder — mystischer — Offenbarung des Gesetzes, der gegenüber die Briefstelle nur als eine in ihrer Knappheit geradezu unverständliche Zusammenfassung erscheint (II 49 ff.): Das Religionsgesetz wird dort, als „äußere Revelation", unterschieden von der „inneren Revelation", die in dem selbständigen Gebäude der Tradition wirksam ist, wurzelnd „in der ursprünglich innigen Verwandtschaft der göttlichen und menschlichen geistigen Natur", „fortgeleitet durch „fromme, das Getriebe der Menschen von einem rein göttlich beschaulichen Standpunkte aus im (heiligend Geiste innerlich überschauende, und so dem zeitlichen religiösen Bedürfnisse derselben mit ernstem Hinblicke auf die innere sowohl als äußere Revelation zeitgemäß entgegenkommende Männer". Anders ausgedrückt: das Gesetz ist einheitlich*7), sein äußerer Ausdruck muß aber den Zeiten angepaßt werden; das geschieht durch innere göttliche Erleuchtung frommer Männer, die jeweils die Übereinstimmung herstellen. Es ist deutlich, wie genau die beiden Stellen aufeinander bezogen erscheinen; wie es andererseits verständlich wird, warum ein Mann, der in dieser Weise die Tradition von den „Gerechten" jeder Zeit erneuerte, eine Diskussion mit seinen aufgeklärten Gegnern selbst über Fragen der Halacha vermied. Und von hier aus erhält es auch seine Bedeutung, daß er „Hilfe und Heilsordnung" des Judentums nur „vornehmlich", aber nicht ganz im Gesetz ausgedrückt sieht: was er den Geist des Gesetzes nennt — den .mystischen Geist —, das ist von dem feinen Buchstaben zu trennen. Auch die weiteren Darlegungen des Briefes entsprechen Schritt für Schritt denen des Bibelschen Orients: der Gesinnung wird nur insofern religiöse Bedeutung zuerkannt, als sie „in jenem Gott ver- und gebotenen48) praktischen Leben äußerlich sich werktätig zu machen im Stande sei" (vgl. II 48); dem „gegenwärtigen verkümmerten Dasein" des Judentums, „wo ihm Mittel, Wege und Boten zur vollständigen Ausübung seines göttlichen Gesetzes abgehen", stehen als „göttlich-historische Stützpunkte" doch Vergangenheit und Zukunft zur Seite: die Vergangenheit offenbaren göttlichen Wirkens, die Zukunft, wo die Gottheit „wieder in die verheißene Stätte zum Aufbau eines nicht neuen, sondern alten, aber von der inneren Heiligung begleiteten äußerlich reinigenden Opfertempels heilig und hehr einkehren wird" (vgl. I 63 f., II 7, 22 ff., 65). Fassen wir zusammen: es hat sich ergeben, daß der ,Bibelsche Orient' bedeutender und jüdisch bedeutsamer ist, als es bisher den Anschein hatte. Der Professor von Kalb kann der Verfasser des Werkes nicht sein. Gegen die Verfasserschaft des Chacham Isaak Bernays bestanden zwei schwerwiegende Gründe: er selbst habe sie dementiert; seine Ansichten *?) Weshalb in dieser Anmerkung ebenso wie in II 7 die Interpretationsmethoden, die sich nur auf den Buchstaben des Gesetzes beziehen, als subjektiv abgelehnt werden. *8) Diese ebenso auffallende wie sprachwidrige Art der Abkürzung kehrt im BO so häufig wieder, daß Beispiele sich erübrigen. Auch in einzelnen selteneren Wendungen wie „göttlich prästabilirte Zukunft" (II 31), „adyta" eines Tempels (I 32 f., II 64) wie in den Verwindungen des Satzbaues stimmt der Brief mit dem Werk überein. 44