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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 1 · p. Seite 43

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 1
Article
Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
Date
1937-01-01
Page
Seite 43 (sequence 30)
Language
German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser herabzudrücken und die jüdische Jugend für diesen aller historischen Grundlage ermangelnden und nur zur Befriedigung des äußeren religiösen Bedürfnisses gemodelten Gottesdienst zu gewinnen und so endlich sich aus ihrer vereinzelten, bloß connivirten Stellung zur Hauptkirche emporzuheben, zur tiefen Kränkung aller gläubigen Seelen." Doch lehnt der Chacham ein eigenes Einschreiten ab, da sein Bestallungsbrief den Tempel, als „Privat-Erbauungs-Institut", von seiner geistlichen Wirksamkeit ausschließe. Er beschränkt sich darauf, von den Gemeindevorstehern selbst die notwendigen Schritte zu erwarten, da „ein aus der Mitte der Juden glänzend und prunkend hervortretendes Erbauungswesen, das überall als aller biblischen Grundlage bar verpönt und verboten worden, dem christlichen kirchlichen und biblischen Glauben gegenüber die politische und individuelle Stellung" der Hamburger Juden in ihrer Gesamtheit „ernstlich gefährden würde und müßte". Der zweite Brief stellt ein amtliches Gutachten des Chacham dar über das Baugesuch des Tempelvereins, das vom Vorsteherkollegium an Bernays zur Rückäußerung geleitet worden war. Unter Berufung auf seinen ersten Brief will er „die Motivierung des Gesuches einer ernsten theologischen Prüfung unterwerfen", sich jedoch „rein auf den Inhalt der Supplik selbst beschränken" und sich „aller tiefer gehenden Diskussionen über die theologische Frage selbst hier enthalten": eine Selbstbeschränkung, die es ausschließt, dem Chacham Ansichten, die er hier nicht vertritt, e silentio rundweg abzusprechen. Er findet den sachlichen Gehalt des Gesuches und damit des Tempelvereins eigene Meinung von dessen „Charakter und Streben" darin, „dem jüdischen Indifferentismus entgegenzuarbeiten", und stellt also die zwei Fragen, was jüdischer Indifferentismus sei und wie der Verein tatsächlich dazu stehe. Unter jüdischem Indifferentismus nun versteht der Chacham „Nichtanerkennung eines göttlich bindenden Gesetzes, also auch Nichterwartung seiner künftigen Wiederherstellung; dann Unabhängigkeit des menschlichen Sinnes und Geistes, so daß er sich, wenn auch als von Gott gegeben, doch so selbständig im Leibe constituirt betrachtet, daß er als sein eigener Gesetzgeber mit den Worten der Schrift sich brüstet: Es geht mir wohl, weil ich wandele, wie es mein Herz dünkt (5. M. 29, 18)." Und von diesem Standpunkt aus ergibt sich ohne weiteres die Antwort auf die zweite Frage: der Verein habe, im Gegensatz zu seiner Meinung von .sich selbst, den Indifferentismus gefördert statt gehemmt, denn er habe „die ewige Bedeutung des Gesetzes resp. [der] Vergangenheit geschwächt, wo nicht aufgelöset, die Erwartungen der Zukunft ausgestrichen und die ästhetisch und rhetorisch aufgeputzte Gegenwart so hoch emporgehoben, daß der Prediger seiner erbaueten Heerde zurufen möchte: ,Hier ist unser Zion!', — und dieses neue Zion hat dem Indifferentismus, ihm den Rückweg zu SchriTt und Gesetz sperrend, einen heuchlerischen Erbauungsmantel umgehangen, auf daß er sich nicht mehr als abtrünnig vor dem alten ehrwürdigen Gesetz schüchtern zu verstecken brauche, sondern dem Judentum frech und höhnisch entgegenrufen mag: ,Deine Vergangenheit ist veraltet! Deine Zukunft kindisch! Ich aber als gereifter klarer Geist erbaue mich selbst in der fortgeschrittenen Gegenwart, in einem neuen (nicht mehr Opfer-) Tempel, in dessen adytis der gesunde Menschenwille zeitgemäße Orakel ertheilt'." Und als Maßregel dagegen empfiehlt der Chacham nicht nur eine Verhinderung des Neubaus, sondern einen Zwang gegen den Tempelverein, diesen Namen abzulegen und sich dafür „Erbauungsverein" zu nennen. Ist die konkrete Stellungnahme des Chacham als eigentlicher Anstoß zu den Tempelkämpfen von 1841—42 bedeutsam, so muß sich für einen Vergleich mit dem Bibelschen Orient der Blick doch mehr der inneren Begründung zuwenden. Auch sie stellt sich, wie jenes Werk, auf den „einfachen biblischen Standpunkt" und führt aus: da „des Menschen Geistes- und Gemüthskräfte unzureichend" sind, „ohne besondere geoffenbarte resp. äußerlich gegebene göttliche Mirtheilung und Hilfe das eigne zeitliche und ewige Heil zu beschaffen", so läßt das Judentum „diese Hilfe und Heilsordnung in einem das ganze praktisch thätige Leben durch Ver- und Gebote umschlingenden Band — Gesetz — ... vornehmlich bestehen", das ihm „Gott unmittelbar im Worte gegeben und im Geiste traditionell in der Zeit fortgepflanzt hat". 43

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