Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 25)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der BibeFsche Orient" und sein Verfasser rabbinischen und Fakultäts-Grade und auf den noch leichter sich darbietenden eines ,Cultus-Reformators' zu verzichten", hat, „obwohl durchdrungen von dem Geist einer Philosophie des 19. Jh., willig entsagt dem Umgange und dem Weihrauch des größten Teils der ,Erleuchteten*, um mit seinem eigenen Geiste niederzutauchen in den Geist der Masse unserer Nation, um diesen durch Mißhandlung, Verkennung und Hohn jeder Art auf das Äußerste geängstigten und niedergedrückten Geist zu kräftigen, zu erheben und ihm seine Stelle anzuweisen auf den Höhen der gottbewegten Menschheit". Und er hat „den Mut, (durch die Praxis) allen kabbalistischen Superfötationen entgegen zu treten, vom positiven Standpunkt aus der Autoritätengeltung in unserer Theologie ihre Grenze genau anzuweisen und, das Imponieren asketischer Frömmigkeit verschmähend, durch sein Beispiel seine Gemeinde von allen religiösen Übertreibungen zu entwöhnen; den fabianischen Mut endlich, sich durch keine Provokationen aus dem unnahbaren Terrain persönlicher, mündlicher Mitteilung verlocken zu lassen." (Ein auch für die Frage des Dementis bedeutsamer Zug!) Demgemäß hat Bernays in eine Gemeinde, „in deren geistige Herrschaft dumpfe Bigotterie, gedankenlose Gewohnheitsfrömmigkeit und ausgedörrtes Formenwesen sich teilten, wo selbst talmudische Gelehrsamkeit mangelte und die Reformbegierigen sich eben erst als Tempelverein abgesondert hatten, während die übrigen durch instinktmäßige Opposition kaum noch dahin gebracht waren, sich einen studierten glattkinnigen Geistlichen gefallen zu lassen", wieder neues Leben gebracht: „Auf dieses Ziel nur hat er rastlos hingearbeitet, durch den Primär-Unterricht, durch seine eigentümlichen Kanzelvorträge und durch die Ausbreitung des Sinnes für Religionswissenschaft, bis zur Substituierung ächter Wissenslust an die Stelle der hergebrachten bloßen Pflichtstudien. Die ihm untergebene Talmud-Toraschule, in welche die erste Landkarte einzuführen wahrlich eine Heldentat war, steht jetzt da und kann sich nicht nur im Fach bürgerlichen Unterrichts mit jeder anderen desselben Ranges messen . . . Seine sabbatlichen Kanzelvorträge . . . haben gewiß nicht den beliebten protestantisch homiletischen General-Zuschnitt, verhalten sich vielmehr zu gewöhnlichen Predigten wie egyptische Bilder zu leichtgeschürzten griechischen, indem sie alle ein Colorit philosophischer und zugleich patristischer Symbolik tragen. Aber dafür ist es auch ihr Zweck", die Wurzeln des Glaubensstammes „vermittelst Entfaltung der der Gesamtperson Israel durch den Willen Gottes inwohnenden, auf intuitiver Anschauung basierten und durch Offenbarung, Geschichte und Legislatur gereiften geistigen Schätze zum allgemeinen Bewußtsein zu bringen". Bernays hat außerdem eine „Gesellschaft junger Männer aus den mittlem und untern nichtgelehrten Ständen" ins Leben gerufen, die „seit länger als einem Jahre" seinem Kursus „religions-philosophischer und zugleich erbauender Vorlesungen über das Buch Kusari mit der lebhaftesten Teilnahme folgt". Kurz, sein „System" ist „freilich keines, das in einem Tage säen und ernten will, aber ... ein System naturgemäßer Entwicklung, nichts mit Vehemenz stützend noch stürzend". Der Verfasser läßt es dahingestellt, ob dieses System „das ausschließlich richtige sei", doch „das läßt sich unschwer vorher sagen: entstehet einmal aus der Bernays'schen Schule eine Reform, so wird es vielleicht eine wahrhafte, nicht eine, die bloß Leichen frisirt." In einer Replik auf eine ersichtlich liberale Erwiderung, die diesen Artikel als ironisch gemeint verdächtigte und ihrerseits eine ironische „Verteidigung" des Chacham unternahm, zieht der Verfasser noch weitere und noch wichtigere Folgerungen, nämlich die, „daß namentlich Synagoge und Tempel hier nicht so gar weit voneinander entfernt stehen, als manche Parteimänner wohl glauben machen möchten, daß mithin die Tempelleute, wenn sie sich einbilden,» der „kleinen Auszuge" abdruckt. Welche Tätigkeit als Rabbinatsassessor Bernays in Würzburg gehabt haben sollte, ist allerdings nicht recht einzusehen. Er wird wohl nur nebenbei Vorbeter in der Privatsynagoge der Familie v. Hirsch gewesen sein, bei der er ohnedies Hauslehrer war, wie er selbst L. J. Riesser gegenüber erwähnt hat (vgl. dessen Bericht über seine Verhandlungen mit Bernays in Mainz vom 4.6.1821 an das Vorsteherkollegium, teilweise abgedruckt bei J. Goldschmidt, Geschichte der Talmud-Tora-Realschule in Hamburg (Festschrift zur Hundertjahrfeier), Hamburg 1905, S. 45 ff.). Außerdem hat Bernays in Würzburg übrigens an der Universität sttfdiert, wo er bei J. J. Wagner hörte, dessen Schriften, neben denen A. Kannes, der, BO. (I 32) erwähnt. 38