Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 23)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser Schimpfworten verbrämte Anerkennung eines „geistreichen Mannes" etwas mit den Ansichten des Bibelschen Orients zu tun habe. Aber Heines Stellung zu Bernays wird deutlicher, wenn man sie im Zusammenhang mit weiteren Äußerungen an Moser sieht. Noch von Lüneburg aus hatte er am 18. Juni geschrieben, er erwarte eine Weisung, „wie ich in Hinsicht des Vereines [für Cultur und Wissenschaft der Juden] mich dort [in Hamburg] zu betragen habe, wen ich dort besuchen kann u. dgl. Kann ich dort einen bestimmten Auftrag des Vereins ausführen, der sich auf ein schon in Berlin Besprochenes gründet, so will ich ihn gern übernehmen". Im Hinblick auf die Bestrebungen des Vereins muß auch seine Äußerung vom 23. 8. 1823 über die Hamburger Juden verstanden werden: sie seien, schreibt er, „ein miserables Pack; wenn man sich für sie interessieren will, darf man sie nicht ansehen, und ich finde es zuträglicher, mich von ihnen entfernt zu halten", ts ist also ein rein pädagogisches Interesse, das sich hier zurückgestoßen fühlt, und Heine stellt den Gegensatz im gleichen Brief scharf heraus: „Ich habe ihnen doch schon den Wahn benommen, daß ich ein Enthousiast für die jüdische Religion sey. Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthousiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederschallt." Also hie bürgerliche Gleichstellung, dort Religion — und nichts dazwischen. Wenn Heine von diesem auf die Spitze getriebenen Standpunkt aus urteilt und sich in sozusagen offiziöser Sendung des Kulturvereins fühlt, so wird es viel klarer, was Bernays ,die Ehre verschafft*, in seiner Achtung dicht hinter einem berühmten Räuberhauptmann zu rangieren: er ist das Zentrum der Hamburger Stimmung für Religion und — gegen bürgerliche Gleichstellung, mindestens in der Form, in der Heine sie für richtig hält. Und das Urteil über ihn ist nun auch kein Stimmungsbild des Augenblicks, sondern die Antwort auf jene für den Verein nicht unwichtige Frage in Mosers Rezension des Bibelschen Orients, ob durch Bernays in Hamburg „die hohle Stimme des Priesters als eine göttliche sich vernehmen lassen", — ob er dort ein Zentrum der Reaktion aufrichten werde. So erst wird man das erleichterte Aufatmen der Berliner nachfühlen können über die Mitteilung „er will nichts und wird auch nie eine andere Rolle spielen": eil Theoretiker also, kein Politiker. Und das scheint doch nicht übel zu stimmen zu der nnaggressiven Haltung des Bibelschen Orients, dessen Aufmerksamkeit, bei aller Schärfe gelegentlicher Seitenhiebe, mehr historischen, philologischen, pädagogischen Fragen gewidmet ist als aktuell politischen; und im besonderen zu seiner ausdrücklichen Verwahrung dagegen, der Reaktion in die Hände arbeiten zu wollen (I 15). Und die Bezeichnung des Chacham als „Charlatan", der „die Hamburger Spitzbuben betrügt", gibt nur in etwas weniger manierlicher Sprache32) Mosers Vorwurf wieder, der Verfasser predige dem Judentum „Rabbinismus", ohne überzeugter Orthodoxer zu sein. Es ist genau das, was Steinheim später eine „Reform" nach der antiliberalen Seite hin nennt, das gleiche, was ich konservativ genannt habe: ein Hinausgehen über das Judentum, dem eine um so betontere Rückwendung folgt — völlig die Haltung des Bibelschen Orients. Den Chacham Bernays aber charakterisiert Graetz33) als einen Mann, der „zwar selbst mit einem Fuße aus dem rabbinischen Judentum herausgetreten war, aber doch die Befestigung und Rechtfertigung desselben erstrebte, in der richtigen Erkenntnis, daß die Entwicklung auf dem eigenen Boden, mit Berücksichtigung des geschichtlich gewordenen Bestandes und ganz besonders ohne Nachäffung fremder kirchlicher Formen geschehen müsse". Das zweite Zeugnis, ein nicht gezeichnetes „Schreiben aus Hamburg" in der reformfreundlichen Zeitschrift „Sulamith"34) von 1826, von deren Herausgeber s2) Heine selbst erzählt übrigens Moser am 27.9.1823, er habe sich mit dem Kursmakler Cohen überworfen wegen dessen Vorwurf, bei Salomon Heine habe; er sich „über Kley und Bernays anders geäußert als bei ihm". 33) Gesch. d. lud. XI (1S70), 407 Anm. 34) 7. Jg., 2. Bd., S. 156 ff. 36