Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Oiiem" und sein Verfasser Kurz: der Professor v. Kalb war ein protestantischer Aufklärer auf dem Weg zum politischen Liberalismus, ein Mann von freundlichem und begrenztem Wohlwollen für das Judentum, aber nie und nimmer der Verfasser des Bibelschen Orients. So bliebe also Isaak Bernays allein als möglicher Verfasser übrig? Es scheint so; und trotzdem will ein nur aus Subtraktion gewonnenes Resultat nicht befriedigen. Zudem stehen der Annahme seiner Verfasserschaft außer dem behaupteten Dementi des Chacham selbst auch die bestimmte Versicherung eines Schülers entgegen, der Chacham sei nicht der Verfasser, und die Meinung eines andern, in dessen späterem Leben habe sich nie eine Übereinstimmung seiner Ansichten mit denen des Bibelschen Orients gezeigt. Ein gut beglaubigtes Dementi des Chacham wäre allerdings ein Grund, nach einem andern Verfasser Ausschau zu halten. Doch hat bereits die Prüfung der zeitgenössischen Stimmen die Behauptung davon zweifelhaft, wenn nicht geradezu unglaubwürdig erscheinen lassen29). Ist aber ein Dementi nicht ergangen — und die Gründe, es abzugeben, konnten der Sachlage nach sogar eine geschickt formulierte Ableugnung (als einfacher an Stelle einer komplizierten Rechtfertigung, als innerlich wahr gegenüber parteiischen Anschuldigungen) geraten erscheinen lassen —, so bleibt nur der Schluß übrig, daß der Chacham entweder selbst der Verfasser war oder diesem zu nahe stand, um ihn selbst in einer schlimmen Situation preiszugeben. Diese Überlegung muß dem Glauben an spätere, noch so bestimmte Versicherungen Abbruch tun; sie sind als persönliche Überzeugung zu achten, doch fehlt es ihnen an Beweiskraft. Der dritte Einwand jedoch — ein Zwiespalt zwischen den Ansichten des Chacham und denen des Buches — ist der Nachprüfung offen. Für eine solche Nachprüfung scheiden von vornherein gegnerische Stimmen aus, es sei denn, daß ihr konkreter Inhalt an Mitteilungen befreundeter Seite eine Stütze finde. Vier unverfängliche Zeugnisse liegen vor, drei aus der Zeit, bevor der Tempelkampf die beiderseitigen Waffen vergiftete, und der Nachruf eines Freundes. Sie mögen gleichzeitig neue Farben zu Bernays' Biographie beitragen. Da ist zunächst Heinrich Heines vielzitierter Brief vom 23. August 1823 an Moses Moser: „. . . Bernais habe ich predigen gehört, er ist ein Charlatan, keiner von den Juden versteht ihn, er will nichts und wird auch nie eine andere Rolle spielen; aber er ist doch ein geistreicher Mann und hat mehr Spiritus in sich als Dt. Kley, Salomon, Auerbach1 I und II30). Ich achte ihn nur, insofern er die Hamburger Spitzbuben betrügt, doch den seeligen Cartouche achte ich weit mehr . . ."31) Es ist auf den ersten Bück nicht ersichtlich, inwiefern diese mit und dieses heißt man: den Gang der Providenz an der Spitze der Menschheit" (413). 29) Da nach einer gelegentlichen Angabe in Fürsts „Orient" während des Hamburger Tempelstreits beide Parteien über besondere Komitees mit Sekretären verfügten und jeden Tag große Versammlungen stattfanden, ist weder die Bildung solcher Gerüchte noch Steinheims zweimalige kategorische Leugnung des Dementis verwunderlich; dieser war, durch Freundschaft mit Gabriel Riesser und dem Gemeindesekretär M. M. Haarbleicher, gut informiert und hätte, bei seinem stürmisch geäußerten Verlangen nach einem Dementi, eine triumphierende Glosse über ein etwa ergangenes nicht unterdrückt. 30) Die Hamburger und Berliner Reformprediger. 31) Heinrich Heines Briefwechsel, hgg. von Friedrich Hirt, I 243. 3* 35