Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 21)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Veriasser Und dieses Bild ist nur der Ausdruck einer gemeinsamen Sendung des in ursprünglicher Reinheit wiederhergestellten Judentums und Christenrums: „alle bisherigen Versuche, zwischen Juden und Christen Freundschaft zu stiften, scheiterten", sagt v. Kalb und glaubt, sie würden auch weiterhin so lange scheitern, „bis das reine Mosesthum (nicht ohne talmudische Satzungen, sondern ohne Klaubereien) selbst zum reinen Christenthume, oder — das reine evangelische Christenthum zum wahren Mosesthume wird" (369); denn „das Juden- und das Christenthum sind so ineinander ver- und gebunden . . ., daß man Beyde in ihren Grundlagen kennen, und den hohen Ruf Christi aber gemüthlich, wie es von Spinoza geschehen, fühlen muß, wenn man nicht einseitig das Judenthum typisch mißkennend, das Christenthum für sich absolut erheben oder — das Christenthum mißkennend, das Judenthum zum ewig bestehenden Gesetze unter vielen talmudischen Alfanzereyen feststellen will" (Einl. S. XXI). Gerade an dieser Stelle nun zitiert v. Kalb in einer Anmerkung selbst den Freund: „Einer der größten jüdischen Gelehrten (wie selbst seine heutige Stellung dieses beweiset) sagte vor drei Jahren" — die Einleitung ist vom März 1823 datiert — „zu mir, als ich ihm eine gewisse evangelische Stelle erklärte: ,Siehe (der Talmud lag vor uns) ich habe längst gemerkt, daß der Talmud hier schwätze, wie und warum aber, sehe ich erst jetzt; und so sucht jede Parthey der andern und sich selbst die Wahrheit vorzuenthalten'." So nah aber von Kalbs Grundauffassung dieser Frage sien mit der des Bibelschen Orients berührt, so weit gehen sie in den Einzelheiten auseinander. Der Talmud, für den BO „ein enzyklopädisches Aggregat alles jüdischen Wissens", ist ihm „mehr ein Bildungs- und Erziehungsbuch für ewig dogmatischen Haß gegen die Christen als ein eigentliches Religions-Buch" (Einl. XVIII), „und keinem Juden wird einfallen, oder wenigstens wird es keiner wagen auszusprechen, wie ungereimt es aus dem Munde des wahren Gottes klinge, anzunehmen, den kleinsten Theil der Gesetze habe Er schriftlich, und bey weitem den größeren — mündlich gegeben" (ib. XIX). Das „heutige jüdische Ceremonien-Wesen" erhält, wie alles Zeremonielle, eine ganz negative Beleuchtung (103, 108); für „die Kaballisten" (XIX; der BO schreibt „Cabala") hat v. Kalb nur Ironie übrig. Das Volksmäßig-Nationelle tritt bei ihm ganz zurück, die eigentliche Judaistik liegt ihm völlig fern. Nirgends findet sich bei ihm eine Spur von dem leidenschaftlichen Interesse an Sprachproblemen, das den BO so besonders auszeichnet. Über den Verlust von Spinozas hebräischer Grammatik hat er nur als Schulmeister Bedauern: „Schade, daß diese nicht erschienen ist, denn gewiß hätte sie . . . an Deutlichkeit für junge Anfänger sich über die des Gesenius erhoben" (Einl. XVI). Die Gelegenheit, etwas zu Spinozas Behandlung grammatischer und etymologischer Fragen anzumerken, läßt er jedesmal vorübergehen; und wie hätte er nicht von Spinoza auf die jüdischen Grammatiker der spanischen Blütezeit zurückverweisen sollen, die doch dem Verfasser des BO so geläufig sind? Für die eigentliche Bibehvissenschaft ist ihm der im BO scharf angegriffene Maimonides, „eines der seltensten Genie" (121), doch „zuviel Jude und mit dem Christenthume gar nicht oder doch zu wenig bekannt, als daß er mir (seine Wissenschaft übrigens in Ehren) in dieser Beziehung einige Geistes-Kost hätte liefern können" (Einl. XXI; vgl. 53). Kann das der Mann sein, dem der christliche Rezensent des BO zum Vorwurf macht, er sehe auch das Christentum vom jüdischen Standpunkte aus? Oder sollte er etwa in den dazwischen liegenden fünf Jahren, von Sendling nun wieder völlig unberührt, auf eine so schiere Aufklärung zurückgegangen sein, daß er nun Leibniz gegen Schlegel in Schutz nimmt: wenn dieser dem Denker „durchweg Philosophie absprechen" wolle, „so mag ich seiner Meynung nicht seyn" (Einl. XIII)? Und kann sich endlich in dieser Zeit die Auffassung des protestantischen Theologen über das Göttliche, das „als Prinzip alles menschlichen Lebens und Webens . . . dieses beseelend beherrscht" (BO I 34), und über die Alleinherrschaft der Providenz erst „am Ende der Zeiten" (ib. I 65, II 61^ so geändert haben, daß er „Gottes Manifestation" mit „reiner Vernunft" gleichsetzen (339), aus der Vorsehung ein Banner, eine Fanfare „an der Spitze der Menschheit"28) machen kann? 28) „Freylich wahr! so lange die Providenz in ihrem Weltgange die Gemüther nicht auffrischt, so werden auch die handgreiflichsten Wahrheiten keinen Eingang finden, jedoch immer mehrere Lichtpuncte für den nächsten Gang zurücklassen, 34