Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 16)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser einem Bekannten in München, der mich aber über den Verfasser nicht aufklarte'*', und fand darin, wie er am 10. 4. 1821 an A. Koelle schreibt, „eine historische Darstellung des Judenthums von Moses bis Christus voll tiefeindringender Sprach- und Alterthums Kunde, und Philosophie großentheils von mir, aber ohne mich für meine Ideen anzuerkennen". Den Nachweis, daß es sich um seine eigenen Ideen handle, sucht er durch eine etwas subjektive Inhaltsangabe zu führen und bemerkt zusammenfassend über die „mit tiefem Sinn geschriebenen" Hefte, daß darin „die erste innere Geschichte des Judenthums gegeben ist. Mich hat die hier hervortretende antichristliche Wuth wirklich geschmerzt". Dementsprechend kümmert er sich um die Verfasserschaft: „Ich rathe sogleich auf den Juden B[ernays], dem ich in meinem letzteren Buche für einige wenige mir mitgetheilte Notizen, wie Sie wissen, dankbare Anerkennung gegeben". Der Münchener Absender, bei dem er sich erkundigt haben muß, erklärt ihm jedoch „bestimmt, daß dieser nicht Verfasser der riefte sey"; zum Schluß des Briefes kommt er nochmals darauf zurück, daß er in den beiden Bändchen „durchaus nur einen jüdischen Verfasser erkennen zu müssen glaubte", daß diese aber, „wie gewiß behauptet wird, doch einen ehemaligen katholischen Theologen, der schon längst gegen das römische Pfaffenthum kämpfte, zum Verfasser haben sollen". In einem zweiten Briefe vom 25. 4. 1821 teilt Wagner aus weiteren Auskünften folgendes mit: „Nach Erkundigungen, die ich einzog, ist der ehemalige katholische Theolog in München, dessen ich neulich erwähnte, wirklich Verfasser [des BO], aber, wie ich subjektiv überzeugt bin, mit größtem Antheile von B[ernays], aus dessen Munde ich ganze Reihen der in dem „Orient" vorkommenden ebräischen Etymologien gehört zu haben mich bestimmt erinnere. Den Sachinhalt des „Orient", nach welchem Moses so weit über Christus zu stehen kommt, finde ich genau wieder in einem Briefe, den der Münchner Theolog mir einst ganz unerwartet zusandte und in welchem er mein letztes Buch kritisirte. Es heißt schon in diesem Briefe: man wundere sich, daß ich Christus und nicht Moses als Wendepunkt der Weltgeschichte betrachte. Auch seyen die Evangelien in die Geschichte ganz eigentlich eingeschwärzt. — Hier sehen Sie also bereits das wesentliche Resultat. Der Mann scheint das Pfaffenthum, das er in seiner christlichen Form überall anstreitet, unter mosaischer Form — der härtesten, die sich denken läßt — zu heben." Daß in Münchener protestantisch-theologischen Kreisen gleich nach Erscheinen des BO v. Kalb als dessen Verfasser galt, zeigte bereits die Rezension des Literaturblatts. (Vielleicht erklärt es sich daraus, daß v. Kalb, wie man aus der unselbständigen Fassung der „zweiten Ankündigung" schließen könnte, etwa nach Bernays' Wegzug von München den Druck besorgt haben mag.) Die Glaubwürdigkeit von Wagners — nicht genannten — Gewährsleuten ist unbestimmbar; bemerkenswert ist es, wie zäh er trotz ihren Auskünften bei seiner ersten, aus persönlicher Kenntnis stammenden Meinung von Bernays' Verfasserschaft oder doch Mitverfasserschaft bleibt. Erst 20 Jahre später taucht das Werk in der öffentlichen Diskussion wieder auf. Es ist die Situation des Hamburger Gebetbuch- und Tempelkampfes. Der „Geistliche Beamte" Bernays, als „Chacham" (wie er sich, statt Oberrabbiner, nennen ließ) kraft persönlicher Autorität in einer überragenden Stellung, versuchte den Plan eines vergrößerten Neubaus für den reformierten „Tempel" zu hintertreiben und erließ, als ihm das nicht gelang, gegen die Neuauflage von dessen Gebetbuch am 16. Oktober 1841 eine „Warnung", es solle niemand glauben, er könne nach diesem Gebetbuch der religiösen Vorschrift gemäß sein Gebet verrichten. Da die Hamburger Gemeinde die Vorburg der Reform war, ging die Bedeutung dieses Schrittes weit über lokale Interessen hinaus. Es war ein letzter grundsätzlicher Versuch, gegen das Vordringen der Reform religiöse Autorität (und äußere Macht) einzusetzen; die religiöse in männlicher Form. Dieß deute darauf, daß für Moses die Visionen objektiv gewesen seyen, und [daß] er sie frei beherrscht habe, indeß die anderen Propheten davon beherrscht worden seyen." 29