Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 15)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der BibePsche Orient" und sein Verfasser hohle Stimme des Priesters als eine göttliche sich vernehmen lassen könne, damit man an dem greifbaren Objekt ein Idol habe, dem die erniedrigte Menschheit mit neuen Strömen ihres kostbarsten Blutes opfere.. Das ist ein Schlachtopfer auf dem Altar einer noch jungen Parteiideologie; und das Opfer selbst wird, nicht ohne Raffinement und mit bösen Mitteln, schwarz gefärbt. Denn von der Predigt für den Katholizismus ist das Gegenteil wahr; das „reine Wort" des Protestantismus ist ein unbewußtes Zitat aus dem besprochenen Werk (II 60); und „Rabbinismus" — ein damals übel beleumdeter Begriff — bedeutet nun plötzlich Versinniichung der Religion, während man sonst die Haarspaltereien des talmudischen Pilpul damit zu bezeichnen liebte. Dann kommt die Phantasie der Dialektik zu Hilfe und zaubert die Teufelsfratze eines götzendienerischen jesuitischen Priesters hervor, mit Wortmagie und Menschenopfern. Von diesem ebenso geschickten wie gehässigen Schluß aus gesehen, gewinnt Mosers Besprechung programmatische Bedeutung. Sie zieht Grenzen und bildet Fronten in der Statuierung sich ausschließender Gegensatzpaare: dem „Zurück" zu einem „Urständ" tritt der „Fortschritt" entgegen, der „Versinniichung des Geistigen" die „Vergeistigung des Irdischen" (das „Ideal"), den „eigentümlichen Konstruktionen aus Gefühl und Anschauung" die Systematik des „scharfen geordneten Denkens", und einem, wie es gelegentlich heißt, „nur im hergebrachten profanen Sinn" verstandenen Religionshegriff, dem das Wesen der Religion „gleichsam als etwas von außen her in den Menschen hineinfahrendes" erscheint, die Empfindung der Religion von innen her, als Religiosität, als Glaube. Kurz, die Akzente des Denkens und des Gefühls werden jeweils gerade umgedreht: die liberale Bewegung des Kritikers will die religiösen Formen „vergeistigen", zu Denkformen sublimieren und damit entkörpern und rationalisieren, den so gewonnenen Denkformen aber, als „Idealen", einen besonderen Gefühlston geben: die konservative Überzeugung behält diesen Gefühlston dem möglichst sinnlich ausgestatteten Ritual vor, dafür bleibt ihr das Geistige der Religion eine gefühlsfreie Sache der reinen Anschauung und des Begriffs. Im Text deutet Moser auch seine Meinung über den Verfasser an, und eine Anmerkung von Zunz unterstreicht das noch: „Angeblich von Isaac Bernays, jetzigem Oberrabbiner in Hamburg." Und wie es fast hundert Jahre — bis zu Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung" — brauchte, bis die Polarität der hier auseinandertretenden Fronten einer neuen Synthese Platz machte, so ist seither weder über das Werk selbst etwas grundsätzlich Neues gesagt noch die hier zuerst angeschnittene Frage nach der Verfasserschaft des „Chacham" Isaak Bernays gelöst worden. Mit Tendenz und Verfasserfrage des Werkes harte sich in zwei Privatbriefen13a) der Würzburger Philosophieprofessor J. J. Wagner, Bernays' Lehrer, schon bald nach Erscheinen der Hefte beschäftigt. Er erhielt sie Anfang April 1821 „von "a) J. J. Wagner. Lebensnachrichten und Briefe, Ulm 1849, S. 295 ff. Den Hinweis auf diese Briefe verdanke ich Michael Fraenkel. der sie in der Frage der Verfasserschaft allerdings zugunsten v. Kalbs für beweisend hält. — Über die Berührungen mit Wagners eigener Philosophie "vgL Anm. 11. In dem dort genannten Werke „Religion..(S. 92) merkt Wagner zu seiner Erörterung von 4. M. 12, 6ff. an: „Ein jüdischer Gelehrter, Herr Berneyß, der mit philosophischem Interesse das Althertum studirt, und dem ich manche einzelne Nachweisung und Erläuterung in Betreff des mosaischen und talmudischen Judenthums verdanke, machte mich bei dieser Stelle darauf aufmerksam, daß im ebräischen Texte Vers 6, wo von den andern Propheten die Rede ist, das Wort mareah (Vision) mit dem Vokal kamez, also in der weiblichen Form stehe, Vers S aber, wo von Moses die Rede ist, heiße es mareeh mit saegol, also 28