Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 14)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser delssohns Bibelübersetzung und bemerkt, der Verfasser durchwühle „sogar die Asche der verbrannten Bücher des Maimonides, um darin Brennstoff zu neuer Parteigluth zu finden". Ober dessen Person schweigt er sich aus, doch erscheint gegen den Schluß der Arbeit, wohl nicht absichtslos, der Name Wolf Heidenheims. Das dritte, ausführlichste und wichtigste Urteil, von Moses Moser, erschien gleich im ersten Heft von Zunz' „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums"13). Gegen die Anknüpfung des Werkes an Herders „Geist der ebräischen Poesie'* hat Moser nichts einzuwenden: „Noch ist — in den wesentlicheren Beziehungen — das Neue und Gegenwärtige nicht in einer so erfreulichen Gestalt aufgetreten, daß man nicht gern noch mit jener Epoche des herrlich empor strebenden deutschen Geistes, welcher Herder angehört, befreundet bleiben mag." Aber handelt es sich, fragt er weiter, dabei wirklich um Herderschen Geist? „Die feine durchsichtige Hülle wenigstens, in der sich seine Gegenwart zu verkünden pflegt, finden wir hier nicht"; denn die Sprache dieses Werkes sei „den unbetretenen Waldgebieten Brasiliens vergleichbar, wo dem wilden Gesträuch der Wandrer jeden Schritt abgewinnen muß". Und der Urwald dieser „unkünstlerisch künstlich geschraubten Phrasen" stehe zudem im Gegensatz zu den einfachen Gedanken, die sie bergen. Trotzdem biete die Schrift nicht nur „flüchtige Erzeugnisse eines oberflächlichen Studiums", sondern „gibt manchen Anlaß zu glauben, daß der Verfasser sich recht tief in seinen Gegenstand hineinzudenken bemüht gewesen sei; allein er ist unglücklicherweise,von jener in der neueren Zeit so herrschend gewordenen Denkweise mit fortgerissen worden, die, Feindin und Verächterin jedes scharfen geordneten Denkens, alle Kraft dazu in der Hervorbringung der ihr eigentümlichen Gefühls- und Anschauungs-Construktionen einbüßt/'. Moser tadelt mit längeren, geschickt gewählten Zitaten diesen „verderblichen Hang zu einer denkscheuen bodenlosen Mystik" und ironisiert die „wunderlichen" Etymologien: „aus jeder Wurzel springt ein Götze hervor". Dem „ernsthaften Leser" könne es „unmöglich behagen, dem Verfasser auf seinem abenteuerlichen Gange durch tausendjährige Sprachtrümmer, wo eine wild irrende Phantasie ihm die ungereimtesten Dinge vorgaukelt, zu folgen." Nimmt man diese Würdigung der ersten Hälfte des Werkes für sich, so scheint sie, mit Recht, sachlich scharf, doch weder unfreundlich noch sonderlich innerlich beteiligt zu sein. Um so mehr überrascht eine plötzliche Wärme in der Würdigung des zweiten Teils: Moser sieht „mit Vergnügen" auf rein historischem Gebiet, „wo kein Mythos sinnverwirrend sich in den Weg stellt", den Geist des Verfassers „häufig aus seiner mystischen Umnebelung heraustreten und jenes besonnene Urtheil sich zum Führer wählen, wodurch allein die Wahrheit gefördert wird". Und zwar sind die Punkte, mit denen er „nicht anders als einverstanden seyn" kann, die Ausführungen, über das Pharisäertum und über den Einfluß der griechischen Kultur auf das alexandrinische Judentum: die Bejahung dieses Einflusses nämlich und die Ablehnung der Pharisäer. Diese Stelle von wenigen Zeilen ist denkwürdig in der inneren Entwicklung des Judentums in Deutschland: von der Gleichheit dieser beiden Werturteile aus (hinter denen sich noch ein drittes verbirgt, das Verständnis für die essäische Reform, d. h. die Bereitschaft, das Frühchristentum noch innerhalb des Judentums anzuerkennen) hätte sich genug Gemeinsamkeit, ergeben, um neben der liberalen Bewegung eine konservative ohne ausschließende innere Gegensätze zu tragen. Aber schon die nächsten Sätze schwemmen das aufkeimende Verständnis wieder fort. Und ein zusammenfassendes Gesamturteil charakterisiert das Werk als „mystische Theologie, die sich in unserer Zeit als Religion geltend zu machen strebt. In unserem Verfasser hat sie ein würdiges Organ gefunden... Dem Judenthum predigt er Rabbinismus (sogar im augenscheinlichsten Widerspruch mit sich selbst) und dem Christenthum Catholicismus (denn er haßt den reinen Buchstaben des Protestantismus) — das ist wenigstens consequent. Zurück! nur immer zurück! das scheint Losungswort zu werden... In die Sinnlichkeit hinaus und hinunter soll die Religion gedrängt werden, damit im Gemüthe das Unheilige desto mehr Raum gewinne. Nicht das Irdische zu vergeistigen, nein! das Geistige zu versinnlichen bemüht man sich, damit aus dem Körper, aus dem Buchstaben die 13) Berlin 1822, S. 177—196; die Besprechung ist nur — r gezeichnet, vgl. jedoch Ludwig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin, Berlin 1871, I 180. 27