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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 1 · p. Seite 25

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 1
Article
Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
Date
1937-01-01
Page
Seite 25 (sequence 12)
Language
German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser gegen ein formentleertes, das aber zur Ausbildung verbindlicher Gedanken, also in die Richtung des Dogmas neigt; ein konservatives gegen ein liberales Bild. Und ebenso wie die Oedankenwelt jenes Berliner Kreises mancherlei von Hegels dialektischer Ausrichtung auf die „Wirklichkeit*' als Eigenschaft und Schöpfung der „Vernunft" in sich aufgenommen hat, so ist das konservative System nicht ohne die Berührung mit Hegels philosophischem Widerpart Schelling in München zu denken, der als Gegenspieler eine nicht weniger repräsentative Gestalt war: jener auf den konkreten Staat gerichtet, mit einem straffen, energischen und energieweckenden Denken in der wissenschaftlichen Verklärung des geschichtlichen Augenblick kulminierend, dieser vielmehr dem Religiös-Kulturellen zugewandt, jeder staatlichen Konzentration abhold, dafür liebevoll und weicher dem Eigenwesen des Volkes und darüber hinaus der Idee der Menschheit ergeben. Schon Titel und Stimmung des Bibelschen Orients berühren sich mit Sendlings Gedanken: „... ich erwarte wieder eine gemeinschaftliche Beziehung auf den Orient... Diese hergestellte Einheit der Beziehung zu dem Morgenland halte ich für das größte Problem, an dessen Auflösung der Weltgeist jetzt arbeitet. Was ist Europa als der für sich unfruchtbare Stamm, dem alles vom Orient her eingepropft und erst dadurch veredelt werden mußte? Wir können das letztere nicht entbehren, offene freie Kommunikation mit demselben muß sein, damit das alte Leben des 15. und 16. Jahrhunderts wiederkehre"7)- Diese Stimmung ist es, die der Bibelsche Orient im Auge hat und auf die er wirken will, und auch die Mittel dieses Wirkens fallen weithin mit denei des Philosophen zusammen. Es ist die Richtung auf das Welthistorische (I 15f.); auf Völker statt auf Individuen — eine Art des Sehens, die im jüdischen Bereich Deutschlands keine Parallele findet und sich höchstens mit der etwas späteren Konzeption S. D. Luzzattos8) berührt—; dann das Ineinssehen von Philosophie und Religion (II 51 f. Anm.), die Entsprechung von Offenbarung und Mythologie. Schon 1796 hatte Schelling gefordert: „... die Mythologie muß philosophisch werden und üas Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen"9); seine eigene „Philosophie der Mythologie" und „Philosophie der Offenbarung", erst aus dem Nachlaß erschienen, waren bereits auf das Jahr 1822 angekündigt, und er hatte, als Mitglied der Bayrischen Akademie, schon vorher einzelne Teile daraus vorgetragen. Die Art dieser Werke, die Entsprechung des Dialektisch-Logischen und des Zeitlich-Historischen in der Deduktion, die Projektion aller einzelnen Mythologien auf ein „Urvolk", eine ausgeprägte Esoterik, ja Züge wie Schellings Mißtrauen gegen den Katholizismus (II 43), wie seine Vorliebe für nationelle Bestimmtheit bei gleichzeitiger weltbürgerlicher Abneigung gegen Nationalismus und staatliche Bindung kehren im Bibelschen Orient teils unverändert, teils charakteristisch abgewandelt hervor. Dem „Urvolk" entspricht hier die „Ursprache", der Esoterik die konkretere, aber rein jüdische Hervorhebung der Kabbala, dem Streben nach einem „Urständ" eine romantische Verherrlichung des Opferdienstes, wozu die Abneigung gegen eine Priesterkaste (I 40) und, aus einem ähnlichen Empfinden heraus, gegen die Pharisäer10) (II 9 ff.) in einem sonderbaren, nur als antidogmatisch zu erklärenden Gegensatze steht. Die Abweichungen des Werkes von Schelling betreffen sehr wesentliche Punkte: unmöglich konnte ein Jude die Meinung von der ') Schelling 18.12.1806 an Windischmann; vgl. Otto Braun, Schelling als Persönlichkeit, Leipzig 1908, S. 123. — Vgl. auch BO II 61. s) Vgl. Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation, Berlin 1933, S. 59 ff. u.ö. 9) Im „Ältesten Systemprogramm"; Franz Rosenzweig, Zweistromland, Berlin 1926, S. 128, 152 f. 10) Max Wiener a. a. O., 116 ff., hat in seiner durch ihre klare Kurze ausgezeichneten Inhaltsanalyse des Bibelschen Orients über diesen Punkt anders geurteilt, doch schwerlich mit Recht. 25

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