Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 11)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser Wissenschaft, in diese Religion eingebettet, darin nicht nur geduldet, sondern heimisch ist und herrscht. Hier liegen auch fruchtbare Keime bereit für eine Zeit, die aus allgemeinen Ideen zu konkreten Formen zurückstrebt, sehnsüchtig, ihr altes Erbe wieder anzutreten, und doch zurückschreckend vor der geistigen Enge, die mit dem alten Gehäuse scheinbar unzertrennlich verbunden ist Das Werk benutzt also die Errungenschaften seiner Vorgänger und lehnt deren Ziel und Methode gleichzeitig ab. Wie aber stellt es sich zu den eigenen Zeitgenossen? Die Antwort kann so wenig einheitlich sein, wie jene Zeit selber es war. Denn der geistig problem- und niveaulosen Orthodoxie wird eine stützende Reform nahegelegt: die allzu einseitige Beschäftigung mit Talmud und Halacha wird zurückgedrängt, wenn auch in ihrer Bedeutung belassen; in die Lücke strömt, mit der Kabbala, die Wissenschaft der Bibel. Allen Bestrebungen aber, das Judentum aus dem Geist der Zeit selbst zu reformieren, ja nur zu begreifen, tritt ein; entschiedenes Nein entgegen. Die neuen „Friedländerianer", von denen im Bibelschen Orient die Rede ist, das ist der „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" in Berlin. Der alte David Friedländer selbst gehört ihm nur als eine Art Ehrenmitglied an, nicht eben zu Unrecht, doch nicht ganz ohne Paradoxie. Die andern Mitglieder sind freilich noch nicht öffentlich hervorgetreten — die von Zunz herausgegebene „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" erscheint erst 1822 —, und so ist die Bezeichnung nicht geradezu böswillig. Es mochte schwierig sein, über die Ziele des Vereins Genaueres zu erfahren; aber „Mendelssohn-Schüler" ist eine ebenso ungenaue Bezeichnung dafür wie „Friedländerianer". Die Wissenschaft des Judentums führt wohl die Linie beider fort, aber sie enthält in dem Willen zum* Judentum, der ihr zugrunde liegt, auch ein Gegengewicht gegen Indifferentismus und Tauf Bewegung, die Gefahren der Zeit. Und dieser Wille zum Judentum schließt die Bejahung des jüdischen Eigenwesens als wertvoller und erhaltenswerter Sonderart in sich. So wäre also Bündnis richtiger gewesen als Gegnerschaft? Doch nicht; der Instinkt, der eine ganz andere Strömung witterte, geht nicht fehl. Denn — auf die kürzeste Formel gebracht — die Wissenschaft, die dem Verfasser des Bibelschen Orients vorschwebt, ist Wissenschaft i m Judentum, nicht Wissenschaft des Judentums. Die Mitglieder des Vereins haben Juden vor Augen, die zum Judentum zurückfinden müssen; er denkt an solche, deren Judentum noch ungebrochen lebendig ist. Sein Judentum ist eine Religion des Tuns und der Formen, der allzuviel Glaube eher verdächtig ist; der Verein denkt, auf dem Wege zum religiösen Liberalismus, an ein allgemeines Menschentum, dem alles zeremonielle Ritual ein Hindernis darstellt. Er denkt sich das Judentum so individuell, so national betont, so abgeschlossen wie möglich; die Mitglieder des Vereins wollen ein bestimmtes Judentum, doch keines, das die reibungs- und spurlose Anpassung an die Umgebung hinderte. Ein sinnliches, über die Nation zur Menschheit strebendes Bild der Religion also gegen ein abstraktes, das vom Individuum unmittelbar zur Menschheit fährt, ein mystisches (also gefühlsmäßiges) und rationales gegen ein rationales und glaubensmäßiges, ein pessimistisches gegen ein optimistisches, ein an Ritual und Offenbarung gebundenes, im Denken freies 24