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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 1 · p. Seite 23

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 1
Article
Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
Date
1937-01-01
Page
Seite 23 (sequence 10)
Language
German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser lehnung der vorangehenden Generation eines Mendelssohn nicht genug tun und steht doch auf ihren Schultern. Die Bibel statt des Talmuds wieder zum Mittelpunkt des Judentums gemacht, den Gedanken einer Offenbarungsreligion betont, streng am Ritualgesetz festgehalten, die hebräische Sprache hochgeschätzt hat Mendelssohn auch. Beide zusammen sind sich, mit der nachdrängenden religiös-liberalen Reform verglichen, darüber einig, einer neuen Zeit gegenüber in der Offenbarung die Grundlage, im Ritualgesetz die Form des Judentums zu wahren, und beide lassen neue Ideen der Zeit nur da einströmen, wo auch das alte Judentum seine Freiheit suchte: in den Gedanken. Woher also solch scharfer Widerspruch? Er kommt aus der Zeit und, wie man sagen muß, aus der räumlichen und seelischen Geographie: hier steht Romantik gegen Aufklärung, und München gegen Berlin. Romantisch ist das Buch nicht im Ausgangspunkt, wohl aber in Temperament, Methode und Ziel. Gegen die scheinbar „kühle Gelehrsamkeit" einer Vernunftreligion erhebt sich das Gefühl erlebter Wahrheit der göttlichen Offenbarung; gegen ein Gebäude von Vernunftbegriffen richtet sich der Sturmbock der Entwicklungsgeschichte; und dem Willen zur Reform antwortet hier der zur Restauration, — die doch auch eine Reform, wenn auch eine mit umgekehrten Vorzeichen ist. Wir Heutigen haben, über die Kennzeichnung des Befundes hinaus, kaum Recht und Unrecht abzuwägen; und doch will Mendelssohn uns, in der Vereinigung unangetasteter Formen und eines neuen Begriffsgebäudes, gesünder erscheinen als seine (beiderseitigen) Nachfolger. Ohne daß an der Echtheit des romantischen Offenbarungserlebnisses zu zweifeln wäre, kann es uns, so überhitzt, so dringlich überredend vorgetragen, so wenig wie seine eigene Gegenwart überzeugen. Die Erfolglosigkeit seiner Konzeption ist heute kein Einwand mehr, nachdem auch die der Gegenseite sich lange gehalten und doch nicht dauernd bewährt hat. Bliebe von seinen Kennzeichen die historische Methode, das Paradepferd des ganzen 19. Jahrhunderts. Wer wollte leugnen, was alles ihr an großen Dingen verdankt wurde und noch verdankt wird? Aber die Sprengwirkung, die sie schon unter Spinozas Händen bewies, ist ihr weiterhin eigen geblieben und hat auch vor dem Judentum nicht halt gemacht. Ihre Anhänger auf allen Seiten — und als einer der ersten unter ihnen unser Verfasser — wollen im Judentum geradezu eine »Religion der Geschichte« sehen; wäre nur nicht allzu rasch die Geschichte einer Religion daraus geworden! Denn wenn dem Fluß des Geschehens hier noch die Richtung der Offenbarung gewiesen wird, so grub sich der reißende Strom doch bald sein eigenes Bett. Und liegt nicht schon in jener Formulierung eine winzige Drehung vor auf die eigene Zeit hin? Denn man mag das Judentum wohl eine Religion des Gedenkens nennen; aber das heißt noch lange nicht eine Religion der Geschichte. Das Gedächtnis bewahrt treu und scharf; aber es wählt, was zu bewahren ist, und es gibt Bilder statt Geschichte. Die Historie aber hat uns aus einem Ahnensaal brüderlicher Gestalten ein Panoptikum täuschend ähnlicher Wachsfiguren gemacht; und nun pfeift der Wind darin. Doch vor den Einzelheiten soll der große Zug des Ganzen nicht übersehen sein: daß hier, einem zu Kompromissen bereiten Zeitgeist gegenüber, Religion ernst gewollt und tief begründet wird; und daß echte 23

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