Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 9)
- Language
- German
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser frühen Christentums6), nicht nur seines Stifters, sondern auch noch des Paulus (II 32 ff., 381), deren Wirken bis zur letzten Möglichkeit im Rahmen und im Sinne des Judentums gesehen wird. Und als eine Fortsetzung dieses Wirkens erscheinen die gnostischen Schulen und die frühe Kabbala (II 44ff.). Die späte freilich, die der zeitgenössischen Theosophen, wird als „subjektive Phantasmen und willkürliche Spekulation" (II 46) ebenso scharf abgelehnt wie die des R. Jizchak Luria als „asketische Gesetzdeutelei" — und wie andererseits die „polnisch-jüdische Schule", in deren Händen der Talmud „zur tötenden Erstickungsbulle aller geistigen Regung herabsank" (II 54). Das bedeutet jedoch keineswegs ein Einstimmen in den Chor der zeitgenössischen Talmudverächter: ein „unhistorischer Wahn" ist es, zu glauben, man könne „seine geistige Großjährigkeit" beweisen, wenn man dem Talmud, der das Judentum „durch das Mittelalter fast mirakulös leitete, jetzt tapfer den Gehorsam aufkünde" (II 56 ff.). Wichtiger freilich als diese aktuellen Seitenhiebe nach allen Seiten erscheint eine stillere Distanzierung vom Talmud, der als „ein enzyklopädisches Aggregat alles jüdischen Wissens" charakterisiert wird, durch die Bemerkung „das Ideelle war Kabbala" (II 48), und von der Zahlen- und Zeichendeuterei der Kabbala selbst durch die bestimmte, auch auf wissenschaftliche Bestrebungen ausstrahlende Einschränkung, daß „des Monotheisten Standpunkt der Begriff und nicht die Anschauung sein" muß (II 47). Ohne solche Abgrenzung wäre es schwer zu verstehen, wie der Verfasser die Berührung biblischen und griechischen Geistes in der protestantischen Bibelwissenschaft empfinden kann als einen „neuen Faden, der, sich wirrend und schürzend, noch den Moment beseelend durchläuft" (II 60), und wie er gleichwohl die Tendenz jüdischer Katechismen, „eine bequeme Einigungs-, ja Übergangsbrücke zum Protestantismus, d.h. zur reinen Begriffsreligion, ... zu schlagen" (II 55 Anm.), zu verurteilen vermag: man kann wohl, ohne mehr als äußerlich inkonsequent zu sein, dem Verfließen in Bildern den festen Begriff, der Versteifung im Begriff die flutende innere Anschauung entgegensetzen und lebendiges Leben begrüßen, wo man es findet. Die Grundlinien dieses Gebäudes, wie sie sich, aus der Zufälligkeit ihrer Verwendung herausgehoben, dem Blick darstellen, streben unverkennbar nach einem System. Es ist gewiß nicht bis ins Letzte durchgeführt; doch ebenso gewiß steht schon ein Ganzes da, eigenartig bis zur Eigenwilligkeit, breit ausladend, neu. Es ist eine echte Synthese zwischen einer großen, noch nicht lastenden Tradition und neuem Forschergeist. Ihr Bogen umspannt die Gipfel der spanisch-jüdischen Kultur und die Quellkammern abendländischer Wissenschaft: JehudaHalevis philosophischen Zug und scholastische Schärfe wie die mystische Tiefe der Nachmanides-Schule, Raschis gelehrte Sorgfalt wie Spinozas synthetische Kritik. Und nicht zufällig hat dieses System sich dem ebenso genauen wie dehnbaren Element der Sprache verschwistert: es ist starr wie der Buchstabe, weit wie der Geist. Abweisend starr und geschmeidig anschmiegsam ist die Front dieses Systems auch seiner Zeit gegenüber. Es kann sich an hochmütiger Ab- 6) So dürfte die „uralte Ansicht" von der Verleiblichung des „schaffenden Wortes" wohl als der Logosbegriff des Johannesevangeliums aufgefaßt werden. 22