Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach. „Der Bibel'sche Orient" und sein Verfasser (II 22) die Vermutung eines jüdischen Verfassers zur Gewißheit macht und andere Stellen2) sie weiter bekräftigen. II. Unter jüdischem Gesichtswinkel gesehen ist das Unternehmen dieses Buches, seiner Zeit gegenüber, noch ungewöhnlicher: die Orthodoxie — — und als Anhänger des strengsten Ritualsystems stellt der Verfasser sich dar — ließ damals die Bibel dem Talmud gegenüber durchaus in den Hintergrund treten. Und von den europäischen Bestrebungen, orientalisches Gedankengut sich anzunähern, war noch weniger in diesen fest eingefriedigten Bezirk gedrungen, — so wenig, daß einer der jüdischen Rezensenten3) des Buches dessen „grotesken" Titel scherzhaft dahin auslegt, der Verfasser sei biblisch durch die Bescheidenheit (eine Tugend Moses), mit der er — seinen Namen verschweige, und orientalisch, „indem er wie ein asiatischer Tyrann despotisch auftritt und gebeut, daß Alles sich seinen gigantischen Ansichten füge". Und dieses Unverständnis ist nicht einmalig. Es besteht die paradoxe Situation, daß dieses sehr bekannte, zeitweise hart umkämpfte Buch bis zur Gegenwart hin nie eigentlich gelesen worden ist. Es hätte zum Panier werden können und wurde es nicht; es mußte in die Ahnengalerie jüdischer Erneuerung aufgenommen werden, aber der Platz blieb leer. Und nicht einmal die bescheidenere Ecke unter den wichtigsten Quellenschriften des 19. Jahrhunderts hat es sich zu erobern gewußt, sondern wird, wenn auch stets mit einem gewissen Respekt, unter die Kuriositäten geworfen. Daran ist das Buch selbst beileibe nicht unschuldig. Sein Verfasser wollte zuviel, und was ihm das Wichtigste war — die Neubegründung eines Judentums, dem man, in genauer Entsprechung zu politischen Neubildungen der damaligen Zeit, die Bezeichnung konservativ statt orthodox geben muß —, das zeigte er mehr, als er es aussprach. Sein Verdienst war, eine Verbindung zwischen legitimem Judentum und abendländischer Kultur zu schaffen, von einer Tiefe, wie sie erst in Franz Rosenzweig* wieder erreicht worden ist; sein Fehler, mit der Restaurationsbewegung seiner Zeit zu liebäugeln, von der politisch zwar Sympathie, doch keine Gegenliebe zu erwarten war und die denn auch alle jungen Kräfte des Judentums gegen sich hatte. Dieser tiefe Graben trennt das Werk auch von seinen glücklicheren Nachfolgern: die Orthodoxie, wie S. R. Hirsch sie auffaßte, suchte ihr Heil eben auch in der Verbindung jüdischer Formen mit politischem Freisinn und schränkte ihr Judentum damit ebenfalls zu einer Konfession ein, die, politisch „Privatsache", sich von der Reform nur durch das Wie unterschied. Und noch mehr: während das Buch von der Weltbedeutung und Weltaufgabe des Judentums durchdrungen ist wie keines seit dem „Kusari" des Jehuda Halevi, verliert es sich zuweilen in etymologische Untersuchungen, die einem Zeitalter bescheidenerer, aber exakter Wissenschaft mit Recht dubios erschienen; 2) Z. B. das Martyrium der ersten Christen als „der mysteriöse Boden, worauf sich jenes Riesengebäude antürmte, das, bisher sich an allen Stürmen der Zeit kräftigend, der Ewigkeit zu trotzen schien; wenn nur eine in Verwesung gesäete und an Verwesung emporgewachsene Pflanzung selbst dem allgemeinen Schicksal der Verwesung entrinnen dürfte" (II 32); ferner vgl. II 12, 15, 29/43; II 60. 3) S. Philippi, vgl. S. 13 f. 16