Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 28)
- Language
- German
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Wilhelm Stern. Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts genüber und eifriges Vorwärtsstreben lobte. Am 15. juli 1820 konnte der von Juden abstammende, getaufte Arzt Dr. Voit in der Aula der Würzburger Universität eine Rede halten, in welcher er den vollen Genuß der staatsbürgerlichen Rechte für die Juden forderte4*). Trotz solcher Fürsprache und trotz der eifrigen Tätigkeit der Regierung nahmen die Unruhen 1820 und 1821 ihren Fortgang. 1822 waren Gerüchte im Umlauf, in welchen man den Juden Bruranenvergiftungen, Vergiftung des zum Bier verwendeten Hopfens u. dgl. m. andichtete45). 1825 taucht das Gerücht auf, die Juden hätten durch Verteilung giftiger Zuckerwaren/ Kinder getötet und sie hätten Brunnen vergiftet45). 1S26 bedenkt man die Juden Würzburgs mit den Worten „Achhie" anstelle des Hep-Hep-Rufes von 181947). Die Achhie-Unruhen wurden von den Behörden schnell unterdrückt; mit ihnen hört für die unterfränkischen Juden eine Zeit ständiger Angst und Bedrohung auf. Noch in den geschilderten unruhigen Jahren tritt auch in Unterfranken eine vielbesprochene Begleiterscheinung der Emanzipation hervor: die Taufbewegung. Am zweiten Pfingsttag 1S20 nimmt der genannte Professor Oberthür in der Stift-Hauger-Kirche zu Würzburg vor Tausenden von Zeugen die Taufen von vier Katechumenen vor; Oberthürs Taufrede wurde veröffentlicht48), ebenso die des Pfarrers Remlein von Allersheim zur Taufe eines Allersheimer Juden49). Trotz aller Bedrängnis verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der Juden in den folgenden Jahrzehnten. Der vergrößerte äußere Wohlstand brachte ein höheres geistiges und sittliches Niveau der Juden mit sich, sodaß die Klagen, die gegen sie ständig vorgebracht worden waren, immer geringer wurden. Als 1845 ein Rundschreiben an die Gemeinden des Landgerichtsbezirks Würzburg r.d.M. erging, ob der Landesproduktenhandel den Juden frei gegeben werden solle50), ging eine Menge von bejahenden Antworten ein. Die Münchner Regierung beschäftigte sich immer wieder von neuem mit der Frage, wie sie die Lage der Juden verbessern und inwieweit sie den Wünschen der Juden auf volle Emanzipation entgegenkommen könne. Zu ihrer Information ließ sie 1822 ein Gutachten über die in Rechtssachen der Juden geltenden Zivilgesetze anfertigen51); für die unterfränkischen Juden galt noch eine Reihe von Sonderrechten, welche besonders Familien- und Erbrecht, aber auch Vertrags- und Kaufrecht betrafen. 1836 fand auf Einladung der Regierung in Würzburg wie an den übrigen Regierungssitzen eine Kreisversammlung der Rabbiner, Reli- 44) Voit, Unbefangene Würdigung der religiösen und bürgerlichen Verfassung der Israeliten, hgg. von Hoeninghaus, Würzburg 1S28. 45) Staatsarch. Würzburg, Ger. Schweinfurt 745/XXXIV. «) Staatsarch. Würzburg, Ger. Dettelbach 16/508. 47) Vgl. Günther a. a. O. — Himmelstein, Die Juden in Franken (im Arch. d. hist. Vereins von Unterfranken und Aschaffenburg, Bd. 12, Würzburg 1853), behauptet unrichtigerweise, die Hep-Hep-Unruhen seien 1821 und die Achhie-Unruhen 1S2S gewesen. *s) Würzburg 1820. 49) I. A. Remlein, Der Taufbund, Würzburg 1822. — Im Juliusspital zu Würzburg wurden schon lange vor dem 19. Jahrh. viele Juden getauft, so zwischen 1646 und den Befreiungskriegen ungefähr 1500—3000; die genaue Zahl ist nicht feststellbar; vgl. Solleder, S. 293. 50) Staatsarch. Würzburg, Miscell. 111/3506. 51) Bayer. Hauptstaatsarch. München, Just. Min. Akt Fase. 1536; s. auch v. Weber a.a.O. 236