Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 27)
- Language
- German
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Wilhelm Stern. Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rung ihrer Lage zunichtemachten. Der damalige Student August v. Platen hielt die Ereignisse der ersten Augusttage mit t lebendiger Frische in seinem Tagebuche37) fest: „. . . Die Juden waren fast alle geflüchtet. Selbst in den höchsten Kreisen ist der Haß gegen sie zu finden. Vorgestern mittag erreichten die Unruhen ihren Höhepunkt. Fenster wurden eingeschlagen, Haustüren erbrochen; ein Haus wurde geplündert, Möbel in Trümmer geschlagen. Es gab zwei Tote, einen Soldaten und einen Zivilisten. Inzwischen hat das auf die Straßen verteilte Militär Ruhö geschaffen. Die Hep-Hep-Rufe, von denen die Stadt widerhallte, haben aufgehört. Was den Charakter des niedrigen Volkes anlangt: Es ist dumm, fanatisch und von schlechter Gesinnung." Die Unruhen bestanden in der Hauptsache aus Straßenaufläufen, Angriffen auf Häuser und Geschäfte von Juden, ferner aus Bedrohungen besonders des judenfreundlichen Universitätsprofessors Brendel — und dauerten den ganzen Monat August und noch im September an. Ohne die energischen Gegenmaßnahmen der Regierung wären die Ausschreitungen weit furchtbarer gewesen. In Rimpar bei Würzburg wurde eine Synagoge erbrochen und verwüstet38). Die Unruhen verbreiteten sich rasch über Würzburg hinaus und fanden bald ihre Parallelen in allen größeren Orten zwischen Frankfurt a. M. und Bamberg, Bayreuth und Prag. Welchen Grund mochten diese Unruhen gehabt haben? Die Regierung zeigte sich von ihrem Ausbruch völlig überrascht und witterte, erregt durch die revolutionären Strömungen der Zeit und das Verhalten verschiedener Landtagsmitglieder, geheime Tätigkeit von Revolutionären, die eine Probe machen wollten, ob ein politischer Umsturz Aussicht auf Erfolg habe39). Die Würzburger Polizei bestritt, daß es sich um revolutionäre Umtriebe handele und vermutete Manöver der Würzburger Kaufmannschaft, welche gegen die lästige neuentstehende jüdische Konkurrenz protestierte; dabei habe die Kaufmannschaft an radaulustigen Elementen Unterstützung gehabt. M. E. läßt der kurz aufeinander folgende Ausbruch der Unruhen an verschiedenen Orten nur den einen Schluß zu, daß es sich um wohlvorbereitete Unruhen handelte, deren Urheber im revolutionären Teil der Kaufmannschaft zu suchen war. Der Ruf „Hep-Hep" tauchte plötzlich mit den Unruhen auf; seine Entstehung ist nicht bekannt; schon die Kreuzfahrer riefen „Hep-Hep", und später dienten dieselben Worte als Schlachtruf40). Der Gebrauch des Hep-Hep-Rufes bei den Unruhen des Jahres 1819") wurde von den Brüdern Grimm4-) als Zuruf an die Ziegenböcke in Franken gedeutet, der wegen ihrer „Ziegenbärte" schmähend auf die Juden übertragen worden sei. Andere deuteten die Worte „Hep-Hep" als Abkürzung aus „Hebräer", manche als Zusammenstellung der Anfangsbuchstaben des Satzes „Hierosolyma est perdita" (Jerusalem ist verloren). Alle Vermutungen über die Bedeutung des Hep-Hep-Rufes lassen die Frage offen, wie er im Jahre 1S19 den Eingang beim Volke fand; diese Frage kann aus den vorhandenen Quellen nicht gelöst werden. Die Entrüstung, die aus den Worten Platens sprach, wurde von vielen Zeitgenossen geteilt. Der Berliner Schriftsteller Julius von Voss43) verfaßte eine Schrift, in der er mit Entrüstung von den Belästigungen der Juden sprach und jüdische Charaktereigenschaften wie Sinn für Familienleben, Hilfsbereitschaft Dritten gehaben, der allerdings in einzelnen Punkten ungenau ist. S. auch Dubnovv, Die neueste Gesch. des jüdischen Volkes 1789—1914, 1920, Bd. II, S. 49 ff. — In der Schreibweise„Hep"anstatt„Hepp"folge ich u.a.Grimm undMeisl (s.Anm. 41, 42). 37) Die Tagebücher des Grafen August von Platen, hgg. von v. Laubmann und v. Scheffler, 2. Bd., Stuttgart 1900, S. 305 f. Aufzeichnung vom 6.8.1819; im Original französissch. 3S) Staatsarch. Würzburg, G 3971. 39) S. Doeberl, S. 465. 40) Der Große Herder, Konversationslexikon. a) S. Meisl in Jüd. Lex. 42) Deutsches Wörterbuch, „Hep-Hep" kann auch den Zuruf an Zugtiere, einen Fuß aufzuheben, bedeuten. *3) Die Hep-Heps in Franken und anderer Orten, Teutonien, 1819. 4* 235