Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259303-2259307-2262435--4678-2262519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wilhelm Stern. Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Z Beseitigung des Betteljudentums in erster Linie durch Gründung eines Hospitals für alte Leute, einer Fabrik für Arbeitsfähige und einer Erziehungsanstalt für Kinder; 3. bessere Unterrichtung der jüdischen Jugend. Der Inhalt der Bittschrift konnte die Juden nicht zufriedenstellen; die Maßnahmen zugunsten der Rhön- und Werrajuden hätten nur einen Teil der Petenten betroffen; die Mehrheit hielt einen Unterricht in weltlichen Dingen für überflüssig. Zwar wurde bereits 18047) die im Jahre 1802 allgemein eingeführte Schulpflicht auf die jüdischen Kinder ausgedehnt8), aber noch 1833 wandte sich der Würzburger Oberrabbiner Bing (1798—1840) im Kampf gegen jede religiöse Neuerung dagegen, daß Rabbinatskandidaten gleich Pfarramtskandidaten „alle höheren Schulen regelmäßig absolviert, auch die lateinische und griechische Sprache erlernt haben müssen", was doch für einen Rabbiner ganz unnütz sei9). Zunächst ging es den Juden um Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Mit zähem Willen eroberten sie sich, meist einzeln kämpfend, eine Position nach der anderen. So erhielten einige Familien das Recht, in den Orten wohnen zu dürfen, die ihnen bisher verschlossen waren, in den Städten. Die Landflucht der Juden, ein Hauptkennzeichen der Emanzipation, setzte ein. In Würzburg war es die Familie Moses Hirsch aus Gaukönigshofen, die 1803 als erste das Niederlassungsrecht in Würzburg erhielt; sie sollte die bedeutendste Familie Unterfrankens werden10). Moses Hirsch hatte durch Gewinne aus Kriegslieferungen in den Jahren 1790—1800 große Mittel erworben, die er in den folgenden Jahren durch günstige Geschäfte mit säkularisierten Häusern und Höfen stark vermehrte. Sein Sohn, der Würzburger und bayerische Hofbankier Jakob Hirsch, war bereits in der Lage, Klöster und Herrschaften zu kaufen, die zum Teil noch Patrimonialgerichtsbarkeit hatten; als 1818 die neue bayrische Verfassung die Ausübung der Gerichtsbarkeit von der Adelsgemeinschaft des Gerichtsherrn abhängig machte, wurde Jakob Hirsch in den erblichen Adelsstand erhoben. Als Finanzier und Vermittler von Staatsanleihen spielte er im bayerischen Finanzleben eine große Rolle, die im einzelnen allerdings ungeklärt ist11), keinesfalls aber so unbedeutend war wie die anderer jüdischer Bankiers in Bayern. Besondere Verdienste erwarb sich Jakob von Hirsch auf Gereuth durch seine Beteiligung an der Gründung der Dampfschiffahrt auf dem Main; seine Fähigkeiten) wurden vom bayerischen Staate u. a. auch dadurch anerkannt, daß er 1823 aus der Staatskasse ein Darlehen von 130 000 Gulden erhielt. Noch bedeutender für die fränkische Wirtschaft war Jakobs Sohn, Joel Jakob von Hirsch auf Gereuth, der den direkten Holzhandel von Franken nach Holland schuf, sich für die Erbau- ') Entschließg. v. 18.6.1804, Rgsbl. 1804 St. 31 S. 719, abgedr. bei DöUinger, Sammlung der im Gebiete der inneren Staatsverwaltung des Königreichs Bayern bestehenden Verordnungen, 6. Bd., München, 1828, S. 201 ff. Soweit die im Text angeführten Verordnungen bei Döllinger abgedruckt sind, wird nur noch Döllinger zitiert. 8) Irrig nimmt Bürgel im Lexikon der Pädagogik, 1913, an, daß die jüdischen} Kinder erst mit dem Judenedikt von 1813 (§§ 32, 33) zu den christlichen Schulen zugelassen wurden. 9) H. u. S. Bamberger, S. 86 f. 10) Zum folgenden, soweit nicht anders bemerkt, Prys, Die Familie von Hirsch auf Gereuth, München, 1931. Vgl. auch ZGJD V, 1934, S. 69 ff. u) Vgl. Hümmert, Die finanziellen Beziehungen jüdischer Bankiers und Heereslieferanten zum bayerischen Staat in der 1. Hälfte des 19. Jahrh., München 1927. 231