Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 20)
- Language
- German
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Meier Spanier. Zur Charakteristik Johannes Pfefferkorns Pfefferkorn gebraucht oft den Ausdruck „von mütterlichen brüsten" in der Bedeutung: von frühster Jugend an; aber von Vater und Mutter sagt er sonst nichts. Wahrscheinlich hat er seine Eltern früh verloren und ist bei Verwandten herangewachsen. (Vielleicht bei Rabbi Meir Pfefferkorn in Prag.) Nur so kann man sich seine völlige Pietätlosigkeit erklären. Seiner Ehefrau Anna sagte man, wie schon erwähnt, in der schmähsüchtigen Weise der damaligen Polemik Beziehungen zu den Kölner Geistlichen nach, und man kann es verstehen, wie diese Verleumdungen (wie man wohl annehmen darf) den heißblütigen Mann erregt haben. Daß er aus Rücksicht auf die Bitten seines Sohnes Laurentius, magister in artibus, einen ihm freilich selbst nicht sicheren Namen verschweigt, sagt er Klag Gib (vgl. meine Anm. 16 im Els.-Lothr. Jahrb., XI, S. 98). Daß er gegen Reuchlin in seiner letzten Schrift kämpfte, geschehe „sunderlichen meyner kynder halben / geistlich vnd weltlich, die mir der allmechtich got in dem heiligen christlichen glauben verlyhenn hait" (Klag A3b). Sonst hören wir nichts von seinem Familienleben. Das Amt, das ihm seine Freunde in Köln verschafft hatten — er war seit 1513 Spitalmeister — hat er wohl bis zu seinem Tode verwaltet. Daß er je die Absicht gehabt hätte, wieder zum Judentum zurückzukehren, wie oft verbreitet wurde, konnte er gewiß mit Recht als falsche und böswillige Behauptung kennzeichnen. Die Stellung, die er sich in Köln nach seiner Taufe errungen hatte, bot ihm innerlich und äußerlich so viel Halt und Sicherheit, daß er sich im ständigen Verkehr mit den geistlichen Herren gewiß auch in religiöser Hinsicht, soweit ihm das möglich war, ihnen anzugleichen suchte. Zeck hebt im Kirchenlexikon von Wetzer und Welte IX, S. 1974, mit Recht hervor, daß er in seiner ersten Schrift die Juden gegen die oft wiederholte Behauptung, sie gebrauchten Christenblut zu rituellen Zwecken, in Schutz genommen habe. Wirklich bittet er (oder sein Wortführer) ausdrücklich die Christen, solche Reden zu unterlassen, „want es in der wairheit nicht ind gentzlich erdacht worden ist" (Judenspiegel G3af). Aber die Niedrigkeit seiner Gesinnung zeigt sich doch deutlich, wenn er später erklärt, er wisse nichts darüber zu sagen, „dan von dem maill an, das menschlich nernunfft in myr gewyrkt hait, so byn ich boeß jüdisch vnd gut cristisch gewesen; das haben die juden an myr gemerckt vnnd ein schw für myr gehat vnd mich nyt alle dynge sehen laissen. darumb so weiß ich nichts dar von zu sagen." Ja, er erwähnt den harmlosen Abwehrbrauch, bei der Nennung der 10 Plagen Tropfen aus dem Glase zu ziehen40), und fährt fort: „Das ist sich aber wol zu vermuten, da sy das blut in den roten wyn vermyschen, vnd drynken yn vß nyt vnd haß, die sy zu Christen dragen." (Beschirmung A4b.) Er macht sich dann auch alle Anklagen hinsichtlich des Peinigens und Tötens von Christenkindern und Schänden der Hostien, wie sie durch so viele Verurteilungen ihm bewiesen erscheinen, völlig zu eigen. (Klag D3af.) Deshalb kann man Zeck a.a.O. nicht zustimmen, wenn er Pfefferkorn „einen ehrlichen Charakter" nennt. Er gehörte vielmehr zu jener nicht geringen Zahl von Abtrünnigen, die sich in der neuen Lage durch Verleumdung ihrer alten Glaubensgenossen zu festigen suchen. Je mehr ihn die christlichen Gegner als den getauften Juden und unsicheren Kunden verächtlich machten, desto intensiver ließ er durch 40) In der Haggadah des Gerschom Kohen, Prag 1527, wird dieser Brauch zur Illustration S. 27 beschrieben und begründet. 228