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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 4 · p. Seite 222

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 4
Article
Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Date
1936-01-01
Page
Seite 222 (sequence 14)
Language
German
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Meier Spanier. Zur Charakteristik Johannes Pfefferkorns ben. (Er stammte aus Holtwick bei Coesfeld im Münsterischen und wurde in Deventer erzogen.) Die weitschweifigen theologischen Darlegungen, die Bilder und Vergleiche, wie sie im Predigtstile gang und gäbe waren, die gehäuften biblischen Zitate am Schlüsse der einzelnen Kapitel, die dem Kenner der christlichen Apologetik, aber nicht Pfefferkorn geläufig waren, stützen meine Vermutung20). Wie man nach der alten Methode einem Kinde beim Schreiben zunächst die Hand führte, ehe man es sich selbst betätigen ließ, so scheint auch Pfefferkorn erst bei den in den folgenden Jahren veröffentlichten Büchern, in denen er die jüdischen Festbräuche am Neujahrs- und Versöhnungsfest und dann zu „Ostern" in seiner tendenziösen Art schilderte, schriftstellerisch losgelassen zu sein, natürlich immer unter Kontrolle der Kölner. Es mußte den Kölnern und Pfefferkorn selbst daran liegen, mit ihrer Agitation in immer weitere Kreise zu dringen. So erklärt es sich wohl auch, daß der Stil der Schriften immer volkstümlicher wird. Ich stelle im folgenden die im Munde des Volkes üblichen Bilder, Vergleiche und Redensarten zusammen, die sich in den Pfefferkornschen Büchern finden. Daß sie alle auf Pfefferkorn zurückgehen (auch in dem Falle brauchte man nicht zu erwarten, daß talmudische Sprüche darunter zu finden wären), möchte ich nicht behaupten. Im Gegenteil. Diese volkstümlichen Redensarten, von denen einige uraltes deutsches Sprachgut darstellen, waren damals im Munde der Kleriker gang und gäbe. Die Humanisten erzielten durch die wörtliche Übersetzung dieser derben Wendungen ins Lateinische in den Dunkelmännerbriefen heitere Wirkungen auf Kosten der verspotteten Geistlichen. Bei heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdrücken weise ich auf die Schriften des zeitgenössischen Franziskaners Murner hin, um die in jenen Kreisen übliche Redeweise ans Licht zu stellen. Solche populären Wendungen, wie sie auch Geiler von Keisersberg gleich allen geistlichen Rednern, die unmittelbar aufs Volk wirken wollten, verwendet, sind immer bezeichnend für di; geistige Atmosphäre, in der sich die Gedankenäußerung bewegt. Daß Pfefferkorn, der aus einem ganz andern Kulturkreise kam, bereits in seinen ersten Schriften diese Form der Rede beherrscht hätte, ist ganz unwahrscheinlich. Reuchlin gebraucht einmal die damals ganz populäre Wendung „wie man sich im Winter mit Hosen deckt"21) (mit den Hosen der damaligen Zeit konnte man sich nicht decken; vgl. meine Anm. zu Murners Schelmenzunft 13, 10), um zu sagen, daß man mit den christlichen Kommentatoren allein nicht auskomme. Das mutzt ihm Pfefferkorn (oder sein geistlicher Vorschreiber) auf: „Das wil ich nit anders verantworten, dan do Johan Reuchlin eyn junger büb gewest ist. do hat jm seyn vater vileicht mit den altden hossen gedeckt, die er den leuten vmb das brot zu verdienen gheflickt vnd gelapt hat. vnnd dem ist also. 20) Den Hinweis auf „das Gesetz der Natur" (lex naturae ist ein bedeutungsvoller Terminus der Scholastik), wiederholt im Judenspiegel, z. B. G3a, H3b (auch im Judenfeind b4b), kann man wohl Gratius und den ihm befreundeten Dominikanern, aber nicht dem ungebildeten Pfefferkorn zutrauen, der sicherlich auch nicht den Cato (E4a) zitieren konnte. Im Fortalitium 1511 handelt ein Kapitel de fatuitatibus iudeorum contra legem naturae. 21) „Möcht ainer sagen: ich wil mich vnserer commenten wol behelffen, was bedarff ich der iuden, demselben mag auch geantwurt werden: wer sich behelffen muß, der hat nit vil überigs, als da sich ainer im winter mit hosen deckt/' Augenspiegel D6a. Daß Nicolaus de lyra den größten Teil seiner Erklärungen Raschi verdankt, hatte er auf der vorangegangenen Seite erklärt. 222

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