Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2259275-2259303-2259307-2262435--4662-2262503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Meier Spanier. Zur Charakteristik Jobannes Pfefferkorns Mühe! —, so dürfte er nicht übel Figur gemacht haben. Nach den Abbildungen könnte man ihn schon für einen geistlichen Herrn halten. Daß die „Sturmglock" von Wigand Wirth geschrieben sei, wie Grätz, der nach seiner Angabe gerade diese Schrift nicht einsehen konnte, behauptet, hat schon Geiger mit vollem Recht (Geiger, Hutten, S. 373, Anm. 2) zurückgewiesen. Ich kann Grätz auch nicht zustimmen, wenn er vom „Handspiegel" sagt, er sei gelehrter und nicht so platt gehalten, weil die Kölner Dominikaner daran mehr noch als an Pfefferkorns früheren giftigen Schriften Anteil gehabt hätten. Mag Arnold von Tongern, der in der Einleitung angeredet wird, in irgendeiner Weise beteiligt sein, mögen die Mainzer Feinde Reuchlins — die Schrift ist dort gedruckt und vielleicht auch verfaßt — Pfefferkorn geholfen haben, wie er denn auch bei den Hinweisen auf die lateinischen judenfeindlichen Schriften bemerkt: „So jch von den götlichen Doctoribus bericht bin" (Handsp. e2a), und in der Beschirmung (F3b), daß er „von etlichen Eyrberen Christen" in Mainz, mit denen er sich beraten habe, zur Veröffentlichung veranlaßt sei, dieses Buch verrät doch sehr viel Persönliches von Pfefferkorn und seiner Schreibart. Aus diesem Grunde wird es hier besonders eingehend betrachtet. Wenn Pfefferkorn auf die feierlichste Art bekennt, daß er die Schrift allein verfaßt, wenn Ortuin Gratius noch 1518 versichert, daß Pfefferkorn diese Schrift nobis ignorantibus in die Welt gesetzt habe (Geiger, Reuchlin, S. 243), so zeugt das Buch selbst für die relative Wahrheit dieser Behauptung. Die Mainzer Helfer waren jedenfalls in der Korrektur zaghafter als die Kölner. Sie ließen seiner breiten Geschwätzigkeit freien Lauf und seiner Lust am weitschweifigen Fabulieren. Pfefferkorn teilt die Schar seiner Feinde in drei „Sekten": Die Juden, der Teufel und gewisse Christen. Die letzten erscheinen ihm am gefährlichsten. Sie sind es um so mehr, wenn sie sich mit Juden abgeben. Alle drei Geschichten, die er in diesem Buche erzählt, haben die Tendenz, vor dem Verkehr mit Juden zu warnen; denn sie verstehen es, die Harmlosen zu ihrem Glauben zu bekehren. Den Inhalt der Geschichten gibt Grätz an (IX, S. 108 ff.). Hier sei nur einiges Charakteristische nachgetragen. Die Hauptgeschichte erzählt vom Judewerden eines judenfeindlichen Barfüßers. Grätz irrt, wenn er referiert „nicht lange vorher". Da hier Pfefferkorn als Romandichter auftritt, rückt er, wie seine Einleitung zeigt, die Geschichte in eine dunkle Ferne. „Ich wil aber ein beyspil anzeugen / das hab ich vß gehör vnd ist in kurtzen jaren n i t gescheen. Aber als ich es behalten / so ist es vngeferlichen zu Ernfurt ergangen/' Abgehackte Sätze kennzeichnen den Stil Pfefferkorns. Hier ein Beispiel: „Dise wort hat der barfüsser angenommen / vnd ward bewegt / verließ das closter / die kutten abgethan. Den herren jhesum verlögnet. Der junckfrawen maria widersagt / vnd der gantzen Christenlichen kirchen / vnd den jüdischen glauben angenommen." Ganz ausführlich gibt Pfefferkorn den Inhalt der judenfeindlichen Predigt wieder, die der Barfüßer gehalten hat. Man könnte darin das Konzept zu der Rede vermuten, die Pfefferkorn in Frankfurt vor der Kirche gehalten hat. Schalkhaft sagt er ja auch: „Ob ich mich aber mit etlichen zu gethanen worten verschrieben hab / dieselbigen wil ich geredt haben" (d2a). Die andere Geschichte vom Doktor Thomas, der Jude geworden, „aber in Christenlichem scheyn" gelebt hat — er soll gemeinsam mit seinem jüdischen Knecht 600 Christen „mit der Ertzney erwürckt" haben, leitet er mit den bezeichnenden Worten ein: „Des gib ich daran ein beyspil, doch wil ich niemandt darmit gemeynt haben, allein wie das beyspile an jm selbert." 215