Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Ein Geschlecht von Erziehern
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 22)
- Language
- German
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Max Freudentbai. Ein Geschlecht von Erziehern Gemeinde zur Gründung einer jüdischen Bürgerschule entschlossen hatte. Nach fünfjähriger Tätigkeit, die ihm ein ehrendes Zeugnis der Gemeinde wie des Magistrats, aber auch die Zuneigung seiner künftigen Gattin einbrachte61), übersiedelte er im Frühjahr 1831 in gleicher Stellung nach Stettin, woselbst er nach dem Zeugnis der Gemeinde und der städtischen Schuldeputation mit demselben Erfolg fünfeinhalb Jahre tätig war und sich „die Liebe und Verehrung eines Jeden erwarb", so daß man ihn „nur ungern und mit Schmerz" scheiden sah. Von dort folgte er nämlich am 10. Juni 1537 einem Rufe als Rabbiner; und Rektor der jüdischen Schule nach Gothenburg, Ämter, die er fast zwei Jahrzehnte hindurch innehatte. Es war die Zeit, da die jüdische Reformbewegung von Deutschland aus nach Schweden übergriff und überall, besonders aber in Gothenburg auf fruchtbaren Boden traf. Carl Heinemann, der erste Gothenburger Rabbiner, war trotz seiner nach Abstammung und Erziehung naturgemäß konservativen Grundanschauung Reformen durchaus nicht abgeneigt. Durch Predigt — als erster sogar bereits in der Landessprache —65), durch Chorgesang und Kürzung der Gebete war der Gottesdienst unter ihm wesentlich gehoben worden66), und er wäre selbst mit der Einführung der Orgel in die neu zu errichtende Synagoge einverstanden gewesen. Dagegen widersprach er sehr energisch der Ausschaltung des Hebräischen aus dem Gottesdienst, und da er mit seinem Veto weder in der Kultuskommission noch in der Gemeindeversammlung durchdrang, erklärte er, daß er mit Ablauf seines Kontraktes Ende 1856 sein Amt niederlegen werde67). Seine einwandfreie Amtsführung, sein pädagogisches Talent, sein persönliches Ansehen hatten ihm jedoch schon zuvor einen Wirkungskreis geschaffen, dem er sich nun völlig widmen konnte68). Das von der Gothenburger Handelssozietät 1825 begründete öffentliche Handelsinstitut war im Niedergang begriffen und erhielt deshalb 1846 eine Neuorganisation, durch die es vor allem unter die bis dahin mangelnde Leitung eines Rektors gestellt wurde. An dieser Umgestaltung der Schule hatte Heinemann, der seit kurzem deutsche Sprache an ihr unterrichtete, wesentlichen Anteil. Aufgrund der neuen von ihm ausgearbeiteten Satzung wurde er am 21. Januar 1848 zum Rektor der Anstalt ernannt. Damit war der Boden zu ihrer Wiederblüte geschaffen. Sie war die einzige ihrer Art im Lande, und Heinemann unternahm mehrfache Reisen, besonders nach Deutschland, um dort die Einrichtungen ähnlicher Schulen zu studieren. Unermüdlich in seinen Bestrebungen, den Unterricht zu verbessern, und als Rektor der Schule immer darauf bedacht, mit allen sachlichen und persön-. liehen Einzelheiten vertraut zu sein, verlieh er der Anstalt neue Anziehungskraft, so daß sie an Ansehen wie an Schülerzahl gewann. Heute bildet sie eines der hervorragendsten Lehrinstitute der Stadt. Heinemann verwaltete das Amt des Rektors bis zu seinem Tode am 7. April, dem ersten Passahtage, 1868. 64) Philippine, Tochter des Meyer Prenzlau; Geschichte und Stammbaum der Familie beschrieb deren Mitglied Professor Dr. Gustav Mayer in No. 175 des „Uckermärkischen Kuriers" 1924. Aus der Ehe mit Philippine stammten die bei^ den Söhne Joset und Max. Nach dem Tode von Philippine 1853 vermählte sich Carl Heinemann mit Henriette (Gittel), einer Tochter des bereits (Anm. 9 und60) erwähnten Lipmann und der Esther Heinemann. Sie starb 1907 kinderlos. 65) Kayserling, Bibliothek jüd. Kanzelredner, II, Homilet, und Liter. Beiblatt, S. 70, hält Lewysohn in Stockholm für den ersten, der schwedisch predigte, und ist danach zu berichtigen. 66) Sulamith, IX, Teil 1, S. 52, berichtet über die Reformen im Gottesdienst. 67) Ausführliche Darstellung der Reformkämpfe in Göteborg s. bei Hugo Valentin, Judarnas Historia i Sverige, S. 501 ff. 68) Das Folgende nach Axel Ahlström, Göteborgs Handelsinstitut 1826—1896, Göteborg 1897, S. 28 ff. 162