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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 139

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
Aus David Friedländers Mußestunden
Date
1936-01-01
Page
Seite 139 (sequence 6)
Language
German
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Jacob Jacobson. Aus David Friedländers Mußestunden „Symiatice (5i/2 Meile von K.7) (Aus meinem Tage-Buche.) Ein sehr schönes wohlgebautes Städtchen, gehörte vormals dem Fürsten Jablonowsky, zu dieser Zeit dem von. Meissner Sohn, Banquier in Warschau. — Die Juden sind hier, wie in ganz Pohlen, im ausschliesslichen Besitz des Handels und der Gewerbe, aber, wie es scheint, nach Wohnung und Kleidung zu schliessen, wohlhabend; haben auch Verkehr und freundlichen Umgang mit den vornehmern Bürgern. Mitten auf dem Markt steht die Synagoge, ein freyes, sehr ansehnliches Gebäude, im hohen Styl erbauet, aber der Bau war noch nicht geendigt. Der Gräntz-Inspector Wetterling, dem ich vom Cammer-Director Ludenberg in Bialestock empfohlen war, sagte mir: es wäre zu einem Opern-Theater vom Fürsten Jabl. bestimmt gewesen, und der habe es der Juden-Gemeinde mit der Bedingung verkauft: dass sie die Säulen an der Facade abnehmen müssten — sie waren auch schon abgebrochen —, weil sie, wahrscheinlich, einer Juden-Synagoge nicht ziemten. Merkwürdige Intoleranz! Ein Tempel dem Gottesdienst gewiedmet, durfte nicht so schön verziert seyn, ais das Gebäude, wo Gaukler ihr Spiel trieben! Diese Bemerkung machte mein christlicher Begleiter. Ich fand es wenigstens nicht unerhört und ganz in der Regel. — Der gebildete und freundliche Gräntz-Inspector begleitete mich bis nach dem Gränz-Ört, eine Meile von Meseritsch — 8 Meilen davon. Hier ist die Gräntze zwischen Neu-Ost-Preussen und Ost-Gallizien, die der Bug scheidet. Der gegenseitige Inspector wollte den preussischen Pass nicht respectiren: dieser sollte von dem russischen General en Chef, Benningsen, ausgestellt seyn. Wetterling sagte ihm: so bleiben Sie verantwortlich für die Folgen; der KönigL Assessor hat Depeschen zu überbringen. — „Lass er sie mir vorzeigen", erwiederte der österreichische Beamte. — „Wo denken Sie hin, Herr Nachbar! In Kriegszeiten tragen die Courire die Depeschen im Kopfe, und führen nichts schriftliches bey sich." — Dieses, cü-e Drohung der Repressalien, und ein Geldgeschenk bewegten endlich den Mann mich passieren zu lassen. Ohne W. wäre ich in grosse Verlegenheit gerathen. —.—.—" „Die Judenfrau in Ganjazs). Aus meinem Reise-Tagebuche. Den 30ten May 1807 reisete ich von Königsberg in Ostpreussen ab, und musste, der Kriegsheere wegen, über Lublin, Cracau, T eschen, Ollmütz, Brünn, Iglau, Prag, Töplitz, Dresden, eine Reise von 223 deutsche Meilen machen, um nadht Berlin zu gelangen, wo ich den 28. Juny anlangte. In Knuschin 32. Meil von Königsberg fuhr ich über die Bober, die in die Pisse fällt, und kam nach Ganjaz — Eine Meile von der letzten Station Ossavic, wo ich verweilen musste, bis wir zwey Kosaken-Pferde mietheten, um weiter zu kommen. An der Ecke des Marktes, mit sehr wenigen Häusern bebaut, die einzeln standen, lag ein abgebranntes Haus, wohin ich mich verfügte. Gegenüber war eine kleine Judenschenke, vor der ein sehr reiner, mit einem weissen Tuche bedeckter Tisch mit schönem Weissbrodte und verschiedene Flaschen stand, die eine junge Frau, unter Freyem Himmel, feil hatte. Ich redete sie freundlich auf hochdeutsch an, und sie antwortete mir in der nämlichen, mir wenigstens ganz verständlichen, Sprache, da alle Juden in Pohlen deutsch, vermischt mit wenigen verstümmelten hebräischen Worten, sprechen. Ich erkundigte mich nach dem abgebrannten Hause. „Dieses Haus war mein Eigenthum", sagte sie. „Es ist nun Jahr und Tag, dass es durch Mordbrand von Russen eingeäschert wurde: wir waren wohlhabende Leute und wurden beraubt. An einem Schabes (Sonnabend) um Mitternacht — mein verstorbener Mann war abwesend — wach' ich auf, und die Flamme hatte schon meine Stube ergriffen. Ich warf meine zwey Kinder, die neben mir schliefen, glücklich zum Fenster hinaus; aber die beiden andern, T) Aus: Lesefrüchte, Bd. 1. 6) Aus: Lesefrüchte, Bd. I. 139

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