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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 140

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
Aus David Friedländers Mußestunden
Date
1936-01-01
Page
Seite 140 (sequence 7)
Language
German
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Jacob Jacobson. Aus David Friedländers Mußestunden ein Mädchen von 8 und ein Sohn von 9 Jahren in der Kammer verbrannten elendiglich." Sie bedeckte ihr Gesicht mit der reinlichen Schürze, und weinte bitterlich und lange. Ich stand gerührt und schwieg. Nach einer ziemlichen Weile erheiterte sie sich, und fuhr fort: „Mein Sohn war ein fein-Roacher-le9); erlernte schon Gemara (Talmud), ja, sein Rabbi war sehr mit ihm zufrieden, und er war' gewiss ein Lamdan (Gelehrter) geworden; nun isst er bey Gott im Himmel, und lernet bey ihm: warum er so jung in Feuer hat umkommen müssen, Er u/. sein Schwesterle." — Nun strömten ihre Thränen von Neuem, und ich konnte mich nicht enthalten über den frommen Ausdruck, womit sie endete „Gott ist gerecht" und über ihre Ergebenheit mit zu weinen. — Das schien sie zu trösten. — Eim Geschenk an Geld weigerte sie sich anzunehmen." Erinnerungen aus dem Leben Mendelssohns. a") In einer Gesellschaft von Staatsmännern und Gelehrten in L., wozu Mendelssohn eingeladen war, führte das Gespräch auf Friederich den Zweyten. Kaum hatte M. etwas ebenso geistreiches als ruhmwürdiges von dem edlen Regenten erzählt, als Einer von den wider ihn eingenommenen Sachsen mit Heftigkeit eine tadelnde Anecdote von ihm vorbrachte, der eine Menge von andern Geschichtchen, Äusserungen und Handlungen folgten, wo immer einer den andern an missbilligenden Kritiken überbot. Der weise preussische Unterthan sass mit niedergeschlagenen Augen und — schwieg. Wie könnte er auch, so unrichtig oder übertrieben die Erzählungen waren, bey dieser Stimmung der Gesellschaft, Vorfälle ahläugnen oder berichtigen, die zum Theil wenigstens nicht unwahr waren. "Dieses Stillschweigen feuerte die Tadler an, und einer der Dreistesten hatte den Muth triumpfirend den bescheidenen Mann mit den Worten aufzulodern; „Nun, Herr Mendelssohn, was sagen Sie zu allen den Anklagen Ihres grossen Königs? — Warum schweigen Sie?" „Ich weiss nur", erwiderte der Weltweise, „dass so ehrenwerth und bedeutend die hier versammelten edlen Männer sind, doch keiner sich unterfangen wird zu behaupten: Er, an meines Landesherrn/ Stelle, würde kräftiger, besser, weiser, fehlerfreyer seinem grossen; Amte vorgestanden, und seine Unterthanen glücklicher regiert haben." Die Versammlung sah sich stillschweigend an, und wechselten etwas Betroffen die Gegenstände der Unterhaltung. — G a r v e sagte mit Recht von ihm, dem unsterblichen Regenten: es würde den Menschenkenner befremden, wenn der grosse Mann, besonders im Greisesalter, ohne alle Schwäschen gewesen wäre; denn war er nicht ein Mensch? b11) „Ihren Aufsatz: ,über die Freyheit des menschlichen Willens', hab' ich nicht lesen können", sagte M. zu einem etwas aufdringlich jungen Schriftsteller, der ihm einige Tage vorher ein mehrere Bogen starkes Manuscript zur Beur» theilung überreicht hatte. — Und als der junge Autor über diese Anrede sehr betroffen schien, setzte M. schnell hinzu: „zufällige Umstände haben mich daran verhindert". „Wahrlich, ich war erschrocken", erwiederte der Verfasser, „ich glaubte: Sie hätten ihn gar nicht lesen wollen, weil schon der Eingang Ihnen missfallen habe." „Wie denn!" erwiederte der Weise, „Sie machen einen Unterschied zwischen Können und Wollen? Das ist ja vortrefflich. Diese Begriffe deutlich aus einander gesetzt, entscheiden die Frage: worinn die Freyheit des Menschen bestehe? auf das Bestimmteste. Einer weitern Erörterung bedarf es nicht; und — kann mich veranlassen die Abhandlung gar nicht zu lesen. Ich stimme Ihnen vollkommen bey.—" 9) Bachur — auserwählt — werden die Knaben vorzugsweise genannt, die schon Talmud studieren, sonst heisst jeder unverheurateter Jüngling Bachur, in Gegensatz von einem, der beweibt ist. — Das Angehängte le ist das deutsche Verkleinerungswort: Mädel-le, Schwester-le etc. 10) Aus: Folioband. J1) Aus: Lesefrüchte, Bd. I, und Folioband. 140

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