Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Gutachten und Briefe David Friedländers
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
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Moritz Stern. Gutachten und Briefe David Friedländers Das Judentum hat nach seiner ursprünglichen Verfaßung kein Glaubens- oder Religionsbuch (Siehe Anmerkung*). Der Israelit kennt kein System von Dogmen, worauf sich ein Glaubens-Bekenntniß gründen sollte, das er in gewißen Jahren öffentlich und feierlich abzulegen hätte. Sein Religions-System bildet sich vielmehr in seinem erwachsenen Alter nach seiner gründlichem oder oberflächlicheren Kenntniß des alten Testaments und andern heiligen oder auch profanen Schriftstellern und nach der Veranlaßung, die er hat, über diese wichtige Gegenstände nachzudenken. Diese höchst ehrwürdige und heilige Schriften sind auch wirküch unversiegbare Quellen der Belehrung und der Anweisung zum sittlichen Leben und tugendhaften Wandel. Dem großen Haufen ist freylich der frömmere Israelite derjenige, der die Ceremonial-Gesezze in strenger Beobachtung des Sabbaths, des Genußes der Speisen, des Besuchs der Synagoge usw. befolgt; und je mehr diese Handlungen der Werkheiligkeit theils ihren Sinn, theils ihren Einfluß aufs bürgerliche Leben, auf Sitten und Rechtlichkeit verlohren haben, je größer ist das Bedürfniß eines Religions- Buches, worin die Jugend systematischer als wie bis jetzt geschehen in die Grundwahrheiten der Religion und der Tugend unterrichtet werde. Ist dieses Buch von sachkundigen Männern verfaßt und von der stimmhabenden hohen Behörde geprüft und gebilligt, auch als allgemeines Religions-Buch in allen Schulen der Israeliten im ganzen preußischen Staat eingeführt, so wäre auch dem wesentlichsten Bedürfniß abgeholfen und die Vereinigung der christlichen und israelitischen Schulen um einen großen Schritt näher gebracht, denn die Lehrer der Religion könnten in ein und der nemlichen Schule, wenn auch nicht in Einem Zimmer, den Kindern verschiedener Confessionen Unterricht ertheilen. Daß dieses Lehrbuch überall freiwillig aufgenommen und keinen Widerstand erfahren würde, ist keinem Zweifel unterworfen. Es würde keinen Satz, keine Lehre enthalten, welche sich nicht auf die heilige Schriften gründete und Tugend und Religion zu befördern geeignet wäre. Die Einführung dieses Lehrbuchs würde das Hinweisen der Kinder der Israeliten in die Schulen der Christen, besonders in den Provinzial-Städten um so mehr erleichtern, da alsdann auch die Verschiedenheit der Fest- und Feiertage keine Schwierigkeit machen würde. Der Sabbath bliebe der Gottesverehrung8) und der Sonntag ausschließlich dem Unterricht in der Gottes-Lehre für die Israeliten gewidmet. Bey der nahmhaften Anzahl der Kinder in der Hauptstadt würde vielleicht diese Schwierigkeit schwerer zu besiegen scheinen, allein hier weisen die mehreren Privat-Schulen, welche bereits existiren und von Israeliten dirigirt werden,, alle mögliche Auskunftsmittel nach. Die Schule des Offner, des Bock als höhere Bürger-, die des Bonin als Elementarschulen genießen (und wie es scheint, mit Grund, da sie auch .von Christen- Kindern besucht werden) einen sehr guten Ruf, und was kann demnach hindern, die Kinder derjenigen Hausväter, welche nicht das volle Schulgeld9) bezahlen können, oder derjenigen, welche freyen Zutritt verlangen dürften, in diese Privat- Schulen zu schicken! Hiemit wäre auch die Fürsorge für die Lehrburschen zu verbinden, die bereits zu den Handwerken zugelassen sind. Deren dürften jetzo nahe an 30 Knaben und Jünglinge seyn. Für diese würde besonders dahin zu sehen seyn, daß sie am Sabbath, wenn auch nur 1 oder 2 Stunden, der Gottesverehrung widmeten und am Sonntag Unterricht in der Religion und in andern, auch diesem Stande unentbehrlichen Elementar-Kenntnissen erhielten. *) Majemonides, ein Mann von der höchsten Authorität als Rechts- und Religionslehrer (im XIII. Jahrhundert), war der erste, der es versuchte, die Religions- Lehren auf 13 sogenannte Glaubens-Artikel festzusezzen. Dieses wurde von R. Chisdai bestritten. R. Albo setzte sie auf drey, welche mit denen, weiche Herbert v. Cherburg in späteren Zeiten zum Catechismus vorgeschlagen, so ziemlich übereintreffen. R. Lorja und die neueren Kabalisten wollen gar keine bestimmte Zahl von Fundamental-Lehren gelten laßen und sagen: In unserer Lehre ist alles fundamental. Und so ist darüber auch in den neuesten Zeiten nichts festgesetzt und alles der eigenen Prüfung überlaßen geblieben. 8) Selbstverständlich nur bei einer besonderen jüdischen Schule. 9) Der Chrislichen Schulen. 116