Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Gutachten und Briefe David Friedländers
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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Moritz Stern. Gutachten und Briefe David Friedländers Da der Herr Ober-Consistorial-Rath Nolte diese Privat-Schulen aus eigener Ansicht sowohl in Hinsicht der Lehrmethode als Fähigkeit der Schüler und Talente der Lehrer kennt und gewiß beßer als jeder andere zu würdigen versteht, so scheint es überflüßig, über die bereits vorhandenen Lehranstalten, welche von Israeliten dirigirt werden, in ein näheres Detail einzugehen. Wichtiger und sachdienlicher ist es den' hohen Behörden, über die zweckmäßigen Veränderungen5), welche das Etablissement neuer Schulen im preußischen Staate überhaupt und in Berlin besonders für die Juden erfordern, gewißenhafte Auskunft zu geben, in wiefern die neue Verfaßung sie nothwendig machen. Mit der Aufnahme der Juden zu Staatsbürgern sind ihnen alle Mittel und Wege zum Erwerb eröffnet, und dadurch ist der Weg vorgezeichnet, wie ihre Erziehung und der damit verbundene Schulunterricht eingerichtet werden muß. Es sollen in diesen Schulen vorzüglich und der Mehrzahl nach Kinder gebildet werdea, welche mit dem erwachsenen Alter zu Handwerken, Gewerben und Hausdiensten übergehen können und dazu mit den nöthigen Vorkenntnißen einen redlichen Sinn, Arbeits-Liebe und Treue verbinden. Man muß den Hausvätern in Berlin im allgemeinen die Gerechtigkeit widerfahren laßen, daß sie schon vor ihrer Emanäpation das Bedürfniß gefühlt habe, ihren Kindern eine regelmäßige Erziehung und Bildung durch den Schulunterricht zu geben. In andern Haupt- und Provinzial-Städten ist dieses wahrscheinlich auch der Fall, von Berlin ist es erwiesen. Nemlich die Aufnahme der schulfähigen Kinder der Minderwohlhabenden und der Armen, welche vorläufig hat Statt finden können, hat dargethan, a) daß bei weitem der größte Theil derselben entweder in christlichen öffentlichen oder Privat-Schulen oder in jüdischen Privat-Schulen, welche in Lehrgegenständen und Lehrmethoden jenen gleich sind, Unterricht genießt, b) daß von diesen 61 männlichen und 67 weiblichen Kindern6), nur 15 (männliche) die Talmud Tora besuchen (welche indeßen auch außer hebräische Sprache und Talmud in andern Kenntnißen Unterricht ertheilt) und nur 5 männliche und 14 weibliche in keine Schule gehen7), welches indeßen häusliche Unterweisung nicht ausschließen mag. Aus diesem Benehmen der Aeltern geht sattsam hervor, daß Bedürfniß und Geist der Zeit die Entbehrlichkeit des Talmuds und die Unanwendbarkeit mehrerer Gesezze, Vorschriften und Gebräuche fühlbar gemacht und deren Unvereinbarkeit mit neueren Sitten gezeigt hat. Das ausschließliche Studium des Talmuds hat ohne Verboth der Regierung, das vielleicht die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hätte, von selbst ganz aufgehört, und die theiiweise noch vorhandene geringe Beschäftigung mit diesem Buche muß ebenfalls mit der Zeit wegfallen. War dieses vor der Einbürgerung der jüdischen Glaubensgenossen in den preußischen Staaten der Fall, um wie viel sicherer ist darauf gegenwärtig zu rechnen. Schon die Verordnung, daß in allen bürgerlichen Verhältnißen, Eheverträgen und Successionen fiur die Landesgesezze entscheiden sollen und alle Transactionen in deutscher Sprache verfaßt werden müßen, macht den wichtigen Theil der Rechtsgelehrsamkeit, die im Talmud gelehrt wird, mit samt den Lehrern derselben ganz entbehrlich und entfernt diesen Zweig der Gelehrsamkeit aus den Schulen. Nach dieser wahren Darstellung scheint es keinen Grund zu haben, warum die Schulen der Israeliten von den andern getrennt werden und für sich etablirt werden sollen. Und in der That, der Israelite als Bürger betrachtet, bedarf keiner besondern Erziehung und keines besondern Schulunterrichts, da er mit allen übrigen Staatsbürgern ein und die nemliche Bestimmung hat. Nur der Religions1- Unterricht und die Verschiedenheit der Feyer- und Festtage bilden einige, doch nicht unübersteigliche Hindernisse, die näher beleuchtet werden müßen, wenn sie hinweg geräumt werden sollen. 5) Zum Folgenden vgl. Friedländers Ausführungen in seiner Druckschrift „Über die durch die neue Organisation der Judenschaften in den preußischen Staaten nothwendig gewordene Umbildung.....Berlin 1812, von mir in meinen Beiträgen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Berlin VI neu herausgegeben. 6) Die Liste Jaffes hat höhere Ziffern. 7) Nach der Liste Jaffes befanden sich in 11 Haushaltungen 10 Knaben und 9 Mädchen, deren Unterricht ihm unbekannt war. Die Summe 19 ist dieselbe wie bei Friedländer. ** 115