Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 19)
- Language
- German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo interessen vor. „Kann man sich wohl schwerer an einer Nation versündigen, als wenn man ihr ihre Lehrer, ihre Wegweiser nimmt"28). Auch in einem stärkeren Anwachsen der Orthodoxie innerhalb des Judentums sieht Dr. Schönemann die größte Gefahr, die die Verwirklichung des Friedländerschen Vorschlags heraufbeschwören könnte. Dr. Schönemann erhebt als Einziger — auch auf Seiten der aufgeklärten Juden — seine Stimme öffentlich gegen das Sendschreiben. Das „Gespräch zwischen einem christlichen Theologen und einem alten Juden" sowie der Roman „Charlotte Sampson" scheinen Juden aus dem Kreise der Berliner Aufklärung zum Verfasser zu haben29). In viel stärkerem Maße noch als die Rationalisten auf der christlichen Seite gehen diese bejahend auf das Sendschreiben ein. Der Roman vor allem zeigt deutlich die Spannung, mit der eine zustimmende Antwort Tellers erwartet wird, ebenso eindeutig aber auch die niederschlagende Enttäuschung, die seine tatsächliche Stellungnahme auslöst. Im Gespräch, das der Verfasser des Romans seinen Geistlichen Wartenfels mit den Juden führen läßt, sowie in dem „Gespräch zwischen einem christlichen Theologen und einem alten Juden" gehen die beiden Geistlichen ebenfalls davon aus, daß die „reinere Religion" durch das Christentum verwirklicht wird. Der Jude Baruch sagt: „Ich erkannte zu allen Zeiten die christliche Religion für die reformiert und gereinigt jüdische, und schrieb immer dem erhabenen Stifter derselben die edle Absicht zu, nicht nur die Juden ..., sondern das ganze Menschengeschlecht durch die Erkenntnis der einigen Gottheit und die mit dieser erhabenen Wahrheit verschwisterten Lehren zu beglücken und es zum Ziel seiner Bestimmung zu führen." Und dem Theologen ist er damit „schon ein echter Christ" (S. 30). Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Übertritt der Juden zum Christentum in der Form, wie ihn David Friedländer vorschlägt, fast überall Ablehnung findet. Wie verschiedenartig auch diese Ablehnung begründet wird — sei es staatsrechtlich oder sei es, daß immerhin noch die Anerkennung Christi als des Stifters einer moralischeren Religion gefordert wird, genug — der Widerhall, den Friedländer und die ihm Gleichgesinnten vom Sendschreiben erwarten, ist nirgends spürbar. Überall begegnet die Schrift Ablehnung oder doch wenigstens, kühler Zurückhaltung. Und wenn auch Friedländer selbst sich später (1823) nicht nur äußerlich als Verfasser, sondern auch innerlich zu den dort vorgetragenen Gedanken bekannt und die meisten Entgegnungsschriften als elendes Geschreibsel abgelehnt hat, so muß er, wenn auch betrübt, doch zugeben, daß die ganze Sache im Sande verlaufen ist. Freilich hat das Sendschreiben nach seiner Meinung dennoch die Aufgabe des Aufrütteins erfüllt. (An die Freunde Jerusalems ..., S. 16). Friedländer selbst ist den Weg der Taufe nicht gegangen, wenn er auch den Abfall seiner Nachkommen noch erlebt hat. Ihm ist auch selbst, nachdem er sich öffentlich als Verfasser des Sendschreibens bekannt 28) In Biesters Neue Berlinische Monatsschrift, 6. September 1802, S. 208 ff. 29) In der A.L.Z. wird zwar vermutet, daß „ein christlicher Prediger sich Zuhörer" mit dem Roman verschaffen wollte. Auch Geiger spricht von einem christlichen Verfasser. Ich selbst vermute aber einen jüdischen. Die Art, wie die Fabel erzählt und das Sendschreiben sowie einzelne Antwortschriften zitiert werden, lassen m. E. auf einen jüdischen Verfasser schließen. 111 i