Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 18)
- Language
- German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo lektik folgende Beweisführung: Der Staat kann nicht auf den Eid auf die Verfassung verzichten, der „immerhin Bezug auf Gott" nimmt, er kann also keinen aufnehmen, „der nichts glaubt, aber jeden . . ., der nur an einen Gott glaubt" (8 f.). Der Jude aber sei beim Übergang zum Christentum „kein Abtrünniger", „sondern gehe nur einen Schritt zur Sittlichkeit weiter" (28). Gerade die Frage der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden gibt vielfach Anlaß dazu, abfällige Bemerkungen über die Juden und über ihre Lebensführung zu machen. Auch bei Schleiermacher finden wir manches harte Wort über die Juden, das in der ironischen Art, in der es geschrieben, vielleicht noch beleidigender als bei den andern klingen mag. Dennoch aber ist seine Antwort geistreich und interessant und zeigt, daß er eigene Wege geht. Wenn sich die Juden prinzipiell dazu verpflichten würden, das Staatsgesetz in Konfliktsfällen dem Zeremomalgesetz überzuordnen, dann müsse der Staat sich zur bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden bereit erklären. Ja, die Kirche hätte ihrerseits höchstes Interesse daran, um endlich einmal den Vorwurf der Prosyletenmacherei, vor allem aber, um die unlauteren Elemente von sich fernhalten zu können. Die Kirche müßte den Staat förmlich darum bitten, den Juden gleiche Rechte zu erteilen: „Es scheint mir jetzt die höchste Zeit zu sein, daß die christliche Kirche sich offiziell durch ihre vom Staat bestellten Aufseher und Wortführer, und einzeln durch ihre angesehensten Lehrer öffentlich und womöglich geradezu gegen den Staat über diese ganze Angelegenheit dahin erklärte, daß sie ihn bäte, dieser für sie so drückenden Handlungsweise ein Ende zu machen; daß sie ihn bei seiner Liebe zum Christentum .... beschwöre, alles aus dem Wege zu räumen, was die Juden veranlassen kann, aus unreinen und fremdartigen Beweggründen zum Christentum überzugehen .... sie kann ihn flehentlich bitten, wenn er keine andere Art, wie diese heilsame Veränderung vollbracht werden könnte, aufstellen wolle, er auch die bisherige, die ihm selbst Vorteil, der Religionsgesellschaft aber unsäglichen Schaden bringe, in Gottes Namen aufheben, und keinem Juden allein um deswillen, weil er zur christlichen Kirche übertrete, fernerhin ein bürgerliches Recht verleihen möge . . ." (40 f.). Freilich verlangt auch Schleiermacher die förmliche Entsagung vom Messiasglauben, den er als allein national gebunden erklärt. Und eine zweite Bedingung stellt er im Namen des Staates: die aufgeklärten Juden sollen eine besondere jüdische Kirchengesellschaft bilden. Das sei für den Staat gut, weil er sie nicht aus den Augen verliere, und für die Juden, weil ihre orthodoxen Glaubensgenossen immer noch eher mit einer neuen Sekte innerhalb des Judentums als mit dem Übergang sien befreunden würden. Die bisher behandelten Antworten und Entgegnungen sind ausschließlich von Christen verfaßt. Wie verhielten sich die Juden? Die orthodoxen Juden schwiegen, wenigstens ist es kaum möglich, etwaigen schriftlich fixierten Einwendungen von ihnen auf die Spur zu kommen. Über eine eigene Zeitschriftenliteratur verfügten sie noch nicht. Der Friedländersche Nachlaß enthält, soweit er in die Bibliothek der Lessingstiftung übergegangen ist, keine Briefe von oder an Friedländer, die sich in irgendeiner Weise auf das Sendschreiben beziehen26). Einmal gibt uns der bereits zitierte Brief Friedländers an Meir Eger aus Glogau von der Verachtung und Empörung Kunde, die dieser Schritt bei orthodoxen Juden ausgelöst hat. Andererseits finden wir hier und da, zumal unter den Schriften, deren Verfasser in die Reihe der Offenbarungsgläubigen gehören, Hinweise auf Äußerungen orthodoxer Juden, die selbstverständlich alle im ablehnenden Sinne vom Sendschreiben und der in ihm vorgeschlagenen Glaubensvereinigung sprechen27). Erst im September 1802 wirft der jüdische Arzt Dr. Schönemann den Männern des Sendschreibens Egoismus und Außer-Acht-Lassung der jüdischen Gesamt- 26) Katalog der Lessingstiftung in der Berliner Staatsbibliothek. 2<) S. z. B. Prediger in Berlin II, 95. 110