Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 20)
- Language
- German
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Ellen LiUmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo hat, die Achtung seiner Glaubensgenossen nicht verloren gegangen; denn auch noch nach 1819 ist er Gemeindeältester gewesen und hat die Verhandlungen mit dem Staat weitergeführt. Jost, der Friedländer noch persönlich gekannt hat, schreibt in seiner Geschichte: „Das Vertrauen, das er übrigens besaß, verlor Friedländer dadurch nicht; er ward immer gewählt, wo es Gelegenheit gab, die Gemeinde nach innen und außen zu vertreten." Das Sendschreiben hat innerhalb der jüdischen Geschichtsliteratur verschiedene Beurteilung erfahren. Vom Versuch einer Eingliederung in den Geist der Aufklärung über eine Beschönigung und Verherrlichung bis zur schärfsten sachlichen, aber auch bösartig persönlichen Ablehnung Friedländers und seiner Schrift ist alles bei den einzelnen Historikern der Neuzeit zu finden30). Ohne Friedländers Schritt als solchen zu beschönigen oder zu verurteilen, sollte mit dieser Arbeit erneut und auf breiterer Basis der Versuch unternommen werden, das Sendschreiben und die sich daran anschließende Literatur aus der geistigen Situation der Aufklärungsperiode heraus zu erklären. Friedländer und sein Kreis stecken noch ebenso tief im Rationalismus des 18. Jahrhunderts wie Teller und ein großer Teil seiner Amtskollegen. Anderseits aber wird der Vorschlag der Glaubensvereinigung 1799 öffentlich zur Diskussion gestellt, im gleichen Jahre, in dem Schleiermachers „Reden über die Religion" erscheinen, ein Jahr nachdem die Romantik mit dem „Athenäum" öffentlich den Kampf gegen die Aufklärung aufgenommen hat. Im Gegensatz zur Aufklärung hat Schleiermacher das Recht der Religion nicht auf die Vernunft, sondern auf die innere Gewißheit des religiösen Bewußtseins gegründet31). Friedländer tritt also mit seinem Sendschreiben in einem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit, wo die allgemeine Zeitströmung der Aufklärung den Kampf ansagt, wo das „Gefühl" auf allen Gebieten des Lebens, vor allem aber in der Religion wieder zu seinem Rechte kommt; Verständnis für alles historisch Gewordene bricht sich allmählich wieder Bahn; der Herdersche Gedanke vom einmaligen lebendigen Organismus, den Volk und Natur, Landschaft und Mensch miteinander bilden, hat sich soweit durchgesetzt, daß in den Kreisen der Romantiker das Bewußtsein von der Eigenart und dem Eigenwert jeder Religion und ihrer Bekenner durchaus lebendig ist. Es liegt, vom Standpunkt Friedländers aus betrachtet, eine Tragik darin, daß die Juden hier, wie so oft in der Neuzeit, zu spät kommen, der Entwicklung ihrer Umgebung nachhinken, daß sie noch tief in der Gleichmacherei der Aufklärung stecken, während die Zeitgenossen bereits ein anderes Ideal auf ihr Panier geschrieben haben. so) Kaüsch, Berlins jüdische Reformatoren, S. 70ff.; Stern, Geschichte des Judentums von Mendelssohn bis auf die Gegenwart, S. 132ff.; Jost, Geschichte des Judentums und seiner Sekten, S. 319ff.; Ritter, Geschichte der jüdischen Reformatoren, II, S. 93ff.; Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 11, S. 172ff.; Rippner Jubelschrift für Graetz, S. 162ff.; L. Geiger, ZGJD III, S.223, IV, S. 57ff.; außerdem Geschichte der Juden in Berlin, S. 119ff.; Dubnow, Geschichte des jüdischen Volkes, Bd. 8, S. 201 ff.; C. Seligmann, Geschichte der jüdischen Reformbewegung, Frankfurt a.M. 1922, S. 60 f. 31) S. Julius Guttmann, Religion und Wissenschaft, S. 65. 112