Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 11)
- Language
- German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo die bewußt am Judentum Festhaltenden stehen dieser Bewegung zunächst ratlos gegenüber. So scheint schließlich der einzige Ausweg aus dieser kritischen Lage der zu sein, den Friedländer in seinem Sendschreiben aufzeigt: unter Aufgabe des Zeremonialgesetzes, aber durch Aussprechen eines „modifizierten" christlichen Glaubensbekenntnisses, das der Naturreligion in keiner Weise widerspricht, zum Christentum überzugehen. Wir wissen nicht, wer die Hausväter sind, auf die sich Friedländer beruft15). Daß aber „die Angabe von einigen Hausvätern auch keine Erdichtung war", gibt Friedländer 1819 selbst zu. Zweifellos steht er nicht völlig allein innerhalb des jüdischen Kreises. Ähnliche Gedankengänge müssen schon geraume Zeit in den Kreisen aufgeklärter Berliner Juden herrschend gewesen sein. Eine Diskussion zwischen Lazarus Bendavid und dem jüdischen Rezensenten seiner Schrift „Etwas zur Charakteristik der Juden" in der Allgemeinen Litteratur-Zeitung und dem ihr angeschlossenen Intelligenzblatt beweist das deutlich. „Warum aber alle Juden, die ihre Stimme über den Weg, den eine innere Reformation nehmen müsse, hören lassen, ihre Pläne darauf anlegen, daß die jüdische Nation, die allenthalben verbreitet ist und nie ein Ganzes ausmachen kann und soll, immer Selbständigkeit behalten und von den christlichen Völkern getrennt bleiben will, vermögen wir nicht einzusehen ... Rezensent, der selbst ein Jude ist, trägt keine Bedenken, hier zu erklären, daß innere und äußere Gründe ihn mehr für die reine Lehre Jesu, so wie neuere protestantische Theologen sie vortragen, als für die reine Lehre Mosis, die immer zweideutig und mit leeren oder doch für jetzt unschicklichen Zeremonien überladen bleiben würde, bestimmen würden. Der Klugheit angemessen wäre eine solche Vereinigung gewiß; aber gehörig modifiziert würde sie der Sittlichkeit und Bildung der künftigen Generation "auch höchst beförderlich sein. Die Begriffe von herrschender Kirche werden aber immer wankender und dem Geiste des Jahrhunderts fremder. Es läßt sich erwarten, ... daß ganz neue Arten von Gottesdienst, selbst des christlichen Gottesdienstes entstehen werden, die dem Charakter der Juden, und wenn auch nicht ihrem religiösen, doch ihren vielleicht noch verderblichen National-Vorurteilen angemessener sein werden, an die sie sich anschließen und durch sie durch eine wohltätige Art umgeschaffen werden können." Bendavid fordert den Rezensenten daraufhin öffentlich zu einem Briefwechsel auf und wünscht vor allem von ihm beantwortet zu wissen, „ob er ein Freund einer allgemeinen Kirchenvereinigung sei" und „ob er sich getraue, den Unterschied zu bestimmen zwischen der reinen Lehre Jesu nach der Meinung vernünftiger protestantischer Christen und der reinen Lehre Mosis nach der Meinung vernünftiger protestierender Juden." Der Rezensent ist nicht sehr angenehm von der Aufforderung berührt, antwortet aber dann doch auf die Fragen: „äußerste Mannigfaltigkeit des Kirchenglaubens ... scheint mir in mehr als einer Rücksicht wünschenswert ..." „Es ist wahr, ich wünsche nicht, daß die Juden sich zu einem neuen Kirchenglauben, am wenigsten zu einem solchen wie ihn Moses einführen wollte, vereinigten ... dieses Volk . . . vermische sich mit den Nationen, unter denen es lebt, und assimiliere sich ihnen geistig und körperlich. Ist das nicht die wahre Kirchenvereinigung, die ein ganzes Volk auf eine einzige Norm beschränken will?" Mir scheint diese Antwort sehr charakteristisch für die radikale Aufklärung unter den Berliner Juden zu sein. Man könnte sie fast auch als einen Vorläufer des Sendschreibens bezeichnen. (A.L.Z. Februar, April 1794; Intelligenzbl. d. A. L. Z. April u. März 1794). Was antwortet Teller auf das Sendschreiben? Er nennt den Schritt einen „beherzten", der „irgend eine segensreiche Folge haben wird; was auch aus ihrem Protestantismus werden möge" (15). Dann 15) Die Liste der getauften Juden, die Friedländer einem Brief an Hardenberg beifügt, könnte einen kleinen Hinweis bieten. Vgl. Ismar Freund, Emanzipation der Juden in Preußen, Berlin 1912, II, S. 422. 103