Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 10)
- Language
- German
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Ellen Littmaun. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo Dazu kommt noch ein sehr Wesentliches: Teller spricht in seinen beiden Schriften mit keinem Worte von der Gotteskindschaft Christi. Der Glaube an Christus ist ein Glaube, „1. . . . daß Jesus Christus ein gläubiger Gesandter gewesen; 2. daß er als solcher den Menschen nach seinem Wesen, Willen und der ihm schul* digen Verehrung habe bekannt machen sollen. . . (83). So darf keinem der Name eines Christen abgesprochen werden, „der dem Evangelium gemäß Gott als Vater ehret, Christum als seinen Seligmacher bekennt und seines Sinnes zu sein durch seinen Geist sich leiten läßt" (41). Es ist der platte, für die letzten Jahre der Aufklärung charakteristische Rationalismus, der in beider Schriften zutage tritt. Jenes typische Kennzeichen der Aufklärungsreligion, die allgemeine Gleichmacherei, die an allen geschichtlich gewordenen Unterschieden der Religionen und ihrer Bekenner völlig vorbeigeht, ist der Grundpfeiler Tellerscher und Friedländerscher Gedankengänge. Wir werden es also aus der geistigen Situation der Zeit heraus verstehen, daß Friedländer in Teller einen Mann erblickt, an den er sich mit der Frage nach der praktischen Realisierbarkeit dieser in der Überzeugung bereits vorhandenen Glaubensvereinigung aller Aufgeklärten wendet. Dazu kommt ein Zweites. Friedländers ganze Arbeit steht im Zeichen des Kampfes um die Gleichberechtigung14). Friedländer verhandelt immer wieder mit der Regierung, aber alle Reformversuche scheitern, sodaß Friedländer schließlich erklären muß, unter solchen Umständen ein Verbleiben beim alten Regiment vorzuziehen. In krassem Gegensatz zu diesen Mißerfolgen der politischen Reformversuche steht die geistige Emanzipation der preußischen, vor allem der Berliner Juden; im geistigen und gesellschaftlichen Leben fallen die Schranken zwischen Juden und Christen immer mehr. Die erste Folge der geistigen Assimilation ist der Bruch mit allen äußeren Formen des Judentums. Für die Generation nach Mendelssohn besteht dem Zeremonialgesetz gegenüber ein doppeltes Problem. Sie empfindet einerseits einen Gegensatz zwischen Zeremonialgesetz und ethischem Gesetz, andererseits zwischen Staats- und Religionsgesetz. Nur weil man in den Kreisen der aufgeklärten Juden dem Zeremonialgesetz weder moralischen noch gemeinschaftsbildenden Sinn beizulegen vermag, nur darum will und kann man sich dazu entschließen, es mit einem Schlage abzuschaffen und nicht etwa, wie später von Schleiermacher gefordert wird, in Konfliktsfällen das Religionsgesetz dem Staatsgesetz unterzuordnen. Ein Übriges tut dann allerdings der blinde Eifer der Orthodoxie, vor allem aber ihrer Führer, der Rabbiner. Wenn man aber auch von allem, was Friedländer an bitteren Worten über'die Rabbiner seiner Generation äußert, Abstriche über Abstriche macht, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, daß die Rabbiner versäumt haben, mit der Zeit mitzugehen^ daß äe, anstatt von sich aus die Bewegung in die richtige Bahn zu lenken, grollend abseits stehen, bis die Zeit völlig über sie hinwegschreitet. Immerhin aber ist die Phalanx der Orthodoxie, des Rabbinismus, noch geschlossen genug, sodaß eine religiöse Reform innerhalb und auf dem Boden des Judentums zunächst in den allerersten Anfängen stecken bleiben muß. Die aufgeklärten Juden und mit ihnen Friedländer selbst verzweifeln an ihrer geringen Einflußmöglichkeit. Dabei wird die Lage der Juden im Staate immer drückender. Viele Juden treten zum Christentum über, ") Vgl. dazu oben S. 75 f., 77 ff. 102