Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
Date
1936-01-01
Page
Seite 101 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2259275-2259303-2259306-2262233--4494-2262326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

OER 'Warn Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein 1767 einen Ruf als Oberkonsistorialrat und Probst in Berlin am Teller nicht in die Reihe der großen Kanzelredner; seine eigentlichen! zielt er mehr durch die schriftliche Belehrung; er entwickelt eine unge^ geistige Produktion, sowohl auf dem Gebiete der Bibelexegese wie auch; der Religionslehre und Dogmatik. Daneben nimmt er zu vielen Tagesfragen Stellung und veröffentlicht eine Fülle von Predigten zu allen Gelegenheiten des religiösen Jahres, die nach dem Zeugnis von Friedrich Nicolai gern und eifrig gelesen werden.12) Er wollte die Verbindung mit der überlieferten Religion behalten, nicht etwa, weil er sich innerlich durch Jesus bestimmt fühlte, sondern weil er sich berufen wußte, solche, die noch auf der niederen Stufe standen, zu einem fortgeschrittenen Standpunkt emporzuheben." „Die Religion ist zur Moral geworden! Aber was für eine Moral!"13) In den neunziger Jahren wird er zeitweise sogar seines Amtes entsetzt. Dennoch wagt er gerade in dieser Zeit, zwei Schriften zu veröffentlichen, die beide den Stempel der Aufklärung tragen: „Anleitung zur Religion überhaupt und zum Allgemeinen des Christentums besonders" (1792), und „Die Religion der Vollkommnern" ebenfalls 1792. Diese beiden Schriften hat Friedländer gekannt; er ist stark von ihnen beeindruckt worden. In der „Anleitung . . ." definiert Teller Religion als die gottehrende Gesinnung des Menschen . . ." (II, 35): Des Menschen Bestimmung ist, „glücklich zu sein und zu werden — kurz Glückseligkeit." Dieses Ziel des menschlichen Strebens kann, wenn auch nicht ausschließlich, so doch am sichersten durch die Religion erreicht werden, die ihrerseits identisch mit der Natur- oder Vernunftreligion ist. Die Naturreligion hegt der jüdischen wie der christlichen zugrunde, beide unterscheiden sich nur durch den Grad der Bedeutung, den sie in ihnen erlangt hat* Beide fügen zur Naturreligion noch etwas hinzu: das Judentum die Fülle der Zeremonien, das Gesetz, das Christentum nur „zwei unblutige Gebräuche": Taufe und Abendmahl. Beiden eignet gegenüber den anderen Religionen das zu, daß es „innere Beweise von ihrer Glaubwürdigkeit gibt, daß sie nämlich „unter besonderer göttlicher Veranstaltung sind eingeführt worden." (27) Zwischen beiden obwaltet der Unterschied, daß die israelitisch-jüdische Religion „die erste Erziehung eines noch sehr ungebildeten Volkes zu einer vollkommnern Religion sein" sollte, während die christliche Religion alle Merkmale „dieser vollkommnern" Religion enthält (27). Teller unterscheidet in der christlichen Religion drei Entwicklungsstufen, die der einzelne Christ parallel der historischen Entwicklung des Christentums durchmacht: Glaubenschristentum, Vernunftchristentum und reineres Christentum. Das Glaubenschristentum ist erlerntes, historisches Wissen, und „die Religion, die er dabei im Verstände hat, ist eine Bilderreligion, und im Herzen ist's Glaube, was sie ihm wert macht." (55). Vernunftreligion wird allmählich im christlichen Menschen wach, wenn er immer mehr „vom Sinnlichen zum Übersinnlichen übergeht . . ." Zum reinen Christentum gelangt der Mensch, wenn „die Geschichtswahrheiten sich bei ihm ganz in Sachreligion, historisches Wissen in festgedachtes, historischer Glaube in Glauben an deutlich erkannte Wahrheit verwandelt." Im wesentlichen sind es die gleichen Gedanken über Religion und des Menschen Verhältnis zu ihr, die auch Friedländer in seinem Sendschreiben ausspricht. Hier wie dort wird von dem Grundsatz ausgegangen, daß des Menschen Bestimmung Glückseligkeit sei, hier wie dort begegnet uns die Anschauung, daß die Religion einen Weg zur Verwirklichung dieses Ideals darstellt, hier wie dort, daß alle positive Religion sein müsse: Naturreligion plus einem nicht sehr wesentlichen X, das in äußeren Zutaten, Symbolen bestehe. Auch der Gedanke, daß die positive Religion vorhanden sein müsse, weil die große Masse des Volkes für die reine Religion nicht empfänglich sei, begegnet uns bei Teller wie bei Friedländer. 12) Nicolai, Gedächtnisschrift auf Dr. W. Teller, Berlin 1805, S. 26. 13) W. Wendland, 700 Jahre Kirchengeschichte Berlins, Berliner Forschungen, Bd. 3 (Berlin 1930), S. 161 ff. 101

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.