Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259303-2259306-2262233--4493-2262325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo stärker im religiösen Sinne über das Zeremonialgesetz, im Sendschreiben aber und in den anderen Schriften spürt man von dieser religiösen Anschauung wenig.9) Ähnlich ist auch seine Stellung zum Messias. Auch hier sieht er nur die nationale Seite des Problems; die Sehnsucht nach dem Messias wird ihm erklärlich nur aus dem politischen' Druck, in dem die Juden seit dem Beginn der Diaspora leben. Jetzt, da er an der Schwelle der Neuzeit eine Zeit der Freiheit auch für die Juden herbeisehnt und schon herannahen fühlt, scheint es ihm ein Leichtes, den Messiasglauben aufzugeben oder wenigstens die Erfüllung der messianischen Zeit in der Verwirklichung der Emanzipationsbestrebungen in der allernächsten Zukunft zu erblicken-. Daß die Fülle religiöser Erlösungssehnsucht im jüdischen Messianismus seinen Ausdruck gefunden hat, das anzunehmen, liegt völlig außerhalb des Friedlaenderschen Gedankenbereiches. Für ihn ist der Messias nur und ausschließlich mit dem Wiederaufbau Jerusalems und der Rückkehr der Juden ins Land der Väter verbunden. Und da ihm Preußen das Vaterland ist und es nach seinem Willen für die Gesamtheit seiner dortigen Glaubensbrüder werden soll, so kommt er zu einer Ablehnung des so verstandenen Messiasglaubens und zu der Forderung, auch die betreffenden Stellen im täglichen Gebet zu streichen. Wenn Friedländer unter Aufgabe jenes obenerwähnten X, das im wesentlichen Zeremojiialgesetz und Messiasglauben umfaßt, den Schritt in ein „Christentum ohne Christus" (Schleiermacher) machen will, so ist die Frage berechtigt, wie er es wagen kann, diesen Schritt öffentlich zur Diskussion zu stellen, ja sein Schreiben an einen bekannten Berliner Theologen zu richten. Wer ist Teller, und warum richtet Friedländer sein Sendschreiben gerade an ihn? Teller ist einer der aufgeklärten protestantischen Theologen des 18. Jahrhunderts. Schon mit seinem 1764 erschienenen „Lehrbuch des christlichen Glaubens", das er als Professor der Theologie zu Helmstedt verfaßt hatte, setzt er die theologische Welt in Erstaunen durch seine „Kühnheit", mit welcher er ... . mehrere Lehrsätze der Dogmatik wegließ und manche Beweise zu entkräften suchte, die bisher für unumstößlich gegolten hatten."10) Zwar hält Teiler in dieser Schrift noch an der Gottheit Christi fest, doch trägt sie insofern schon die Keime der Entwicklung zur Aufklärung in sich, als „das orthodoxe System ... in eine Geschichte der Offenbarung verwandelt wird.11) Seine „ketzerische" „Untersuchung der Auferstehungslehre" erschüttert seine Stellung in Helmstedt; so nimmt er 9) Es heißt in den Briefen „An die Freunde usw.", S. 40: „Alle Zeremonialgesetze und Gebräuche, sie mögen sich gestalten wie sie wollen, sie mögen uns, bei der Entfernung der Zeiten und Länder, abenteuerlich und widersinnig erscheinen, sind wenigstens ursprünglich als Versuche anzusehen, das innerlich Religiöse äußerüch darzustellen." — Man hat in der Literatur über das Sendschreiben vielfach darauf hingewiesen, daß in bezug auf die Frage des Zeremonialgesetzes im Zusammenhang mit der Emanzipation bei Friedländer ein unüberbrückbarer Widerspruch klaffe. Er habe in den „Aktenstücken" (1793) offen erklärt: „Die Beobachtung der Zeremonialgesetze hängt mit den Pflichten des Staatsbürgers nicht zusammen und darf also für die Regierung auch nicht ein Gegenstand ihrer Vorsorge sein" (46). Im Sendschreiben dagegen sei immer nur von einer öffentlichen Aufgabe des Zeremonialgesetzes die Rede. Ritters Ausführungen gehen darauf hinaus, diesen „angeblichen" Widerspruch als gegenstandslos aufzuzeigen. Er weist geschickt darauf hin, daß Friedländer in den „Aktenstücken" die Frage der Juden vom Standpunkt des Staates aus behandelt und so selbstverständlich die bedingungslose Emanzipation fordern muß. Im Sendschreiben dagegen stellt sich Friedländer vielmehr die Frage: Was können wir Juden selbst zur Verwirklichung der Emanzipation tun? Und er gibt als eine der vornehmsten Antworten: Aufgabe des Zeremonialgesetzes. Es ist aber auch denkbar, daß im Verlauf des Kampfes Friedländers Einstellung sich tatsächlich geändert hat. 10) H. Döring, Deutsche Kanzelredner des 18. u. 19. Jahrhunderts. Neustadt, 1830, S. 506. u) Vgl. W. Wendland, Die Praktische Wirksamkeit Berliner Geistücher im Zeitalter der Aufklärung (Jahrbuch f. Brandenburgische Kirchengesch. 1913, S. 360 ff.). P. Gabriel, Die Theologie W. A. Tellers. Gießen, 1914, Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus, H. 9. ..... »■ 100