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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 99

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
Date
1936-01-01
Page
Seite 99 (sequence 7)
Language
German
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Ellen Littraann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo Wahrheiten zu tun, die auf dem Wege der Vernunft auf die Menschen gekommen sind und noch kommen. Freilich wird in der deutschen Aufklärung die menschliche Vernunft selbst dann als ein Geschenk Gottes an den Menschen gedeutet, sodaß der dogmatische Offenbarungsbegriff formal vielleicht noch aufrecht erhalten, inhaltlich aber völlig umgebogen wird. Lessing formuliert in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" den Begriff der Offenbarung: „Also gibt auch die Offenbarung dem Menschengeschlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde: sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher." Die Offenbarung wird so als ein Teil der natürlichen Erkenntnis gerechtfertigt; der kirchlich autoritativen Offenbarungsreligion tritt damit die natürliche Religion derart gegenüber, daß aller Supranaturalismus geleugnet wird. Diese veränderte Stellung zur Offenbarung macht sich dann vor allem in einer veränderten Stellung zur Bibel bemerkbar. Die Bibel ist nicht wortwörtliche Urkunde der Offenbarung, sondern sie gibt dem Menschen nur Kunde von der Offenbarung. „Der Supranaturalismus setzt die Bibel allein, der Rationalismus die Vernunft allein zum leitenden Prinzip aller Religionslehren. Ein drittes System, das gleichsam die Mitte zwischen diesen Lehrgebäuden hielte, scheint es, der Natur der Seele nach, nicht geben zu können."6) Auch dem Gedanken, daß Glückseligkeit Bestimmung des Menschen ist, begegnen wir im Sendschreiben als einem wesentlichen Punkt der Religion der aufgeklärten Juden. So wird die Religion auf eine völlig neue Basis gestellt. Dabei ergibt sich aber vor allem eines: die Bekenner der verschiedenen Religionen nähern einander mehr und mehr. Alle positive Religion stellt sich Friedländer dar als natürliche Religion plus einem X, und dieses angehängte, nicht mehr bedeutsame X ist ihm in der jüdischen Religion das Zeremonialgesetz und der Glaube an den nationalen Messias. Friedländer ist mit Mendelssohn der Oberzeugung, daß das Judentum keine Glaubenssätze hat, „die gegen die Vernunft oder über dieselbe seien." Für Mendelssohn hatte sich aber aus dieser Einstellung keine Negierung des Zeremonialgesetzes ergeben. Im Gegenteil, hatte er auch die Offenbarung der Glaubenssätze abgelehnt, so sprach er doch vom „geoffenbarten Gesetz". Mendelssohn sah die Aufgabe darin, „den eingerissenen Mißbrauch abzuschaffen und den Zeremonien echte, gediegene Bedeutung unterzulegen; die Schrift wieder leserlich und verständlich zu machen, die durch Heuchelei und Pfaffenlist unverständlich geworden"7). Ganz anders Friedländer. Im Gegensatz zu Mendelssohn sind ihm die Zeremonialgesetze weder göttlich geoffenbarte Gebote, denen der Jude sich bedingungslos zu unterwerfen hat, noch auch gemeinschaftsbildendes Mittel; sie sind ihm vielmehr die Schale für den Kern, der in den ewigen Wahrheiten besteht, und diese Schale ändert sich je nach den Bedingungen, unter denen der Jude lebt. Sie sind nicht ewig, sondern an Raum und Zeäsb gebunden, und bedürfen immer wieder der Überprüfung, ja zuweilen der Abschaffung. Der nach Freiheit und Selbstbestimmung strebende Mensch der Aufklärung sträubt sich gegen die Bevormundung, die vom Gesetz ausgeht und ausgehen muß, er will mündig, nicht der Autorität Untertan sein. Dem Zeremonialgesetz muß entsagt werden, weil es den Menschen ablenkt von den höheren Zwecken der Religion, dann vor allem deshalb, weil es dem nach Gleichberechtigung strebenden Staatsbürger bei der Ausübung seiner Pflichten überall im Wege ist. Eine solche allgemein anerkannte Aufhebung sei „dem Geiste des mosaischen Systems höchst gemäß", die ganze Nation müsse geschlossen dem Zeremonialgesetz entsagen: „Pflicht und Gewissen fordern von uns, daß wir unseren bürgerlichen Zustand durch Reinigung unserer religiösen Verfassung verbessern."8) Das Wort „Verfassung" scheint hier besonders charakteristisch. Friedländer kann nur zu einer so schroffen Ablehnung des Zeremonialgesetzes kommen, weil er in den Zeremonien weit mehr die alte nationale Verfassung der Juden sieht, als etwa den Versuch, durch diese Formen religiöses Gemeinschaftsleben zu gestalten. Zwar äußert er sich später in den Briefen „An die Freunde . . ." einmal auch c) An die Freunde Jerusalems____, S. 83. 7) Mendelssohn, Gesammelte Schriften, V, 669. 8) Über die Stellung Friedländers zum Zeremonialgesetz vgl. noch Sendschreiben, SS. 47, 58 ff. i 3* 99

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