Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo 1794 erscheint eine Schrift: „Das Christentum enthält keine übernatürlich geoffenbarte zur Seligkeit des Menschen notwendige Glaubenslehren; in einem Sendschreiben an Herrn David Friedländer gezeigt." Moses Mendelssohns Formulierung: „Das Judentum wisse von keinen übernatürlich geoffenbarten Glaubenswahrheiten, die zur Seligkeit notwendig wären", versucht der Anonymus auch für das Christentum als Grundlage zu erweisen. Er setzt voraus, daß die Mendelssohnsche Formulierung nur gelte, wenn bloß das Alte Testament als „Archiv für das Judentum" anzusehen sei. Und ebenso erkennt er „für das Archiv der christlichen Religion nichts als das Neue Testament" an (S. 3). Die vier Sätze, die der Verfasser frei nach Mendelssohn als Hauptlehren des Judentums aufstellt, machen aber ebenso den Hauptinhalt der christlichen Religion aus: „Hat aber ... Jesus bloß die jüdische Religion gelehrt, ist reines, ursprüngliches Christentum schlechterdings nichts anderes als von ihm und seinen Aposteln vorgetragenes inneres, geistiges Judentum, wie kann dann jemand, der diese Religion für eine nur natürliche Religion erkennt, der außerdem die Obereinstimmung der Lehren Jesu und der Apostel mit ihr rühmt, behaupten wollen: das Christentum unterscheide sich durch übernatürlich geoffenbarte, zur Seligkeit des Menschen notwendige Glaubenswahrheiten von ihr?" Daraus ergibt sich, „daß Juden und Christen nicht die allermindeste Ursache zu Religionshaß gegeneinander haben". Jesus aber habe die genannten vier Hauptsätze nur als Erkenntnisse lehren, nicht aber zum Glauben an sie zwingen wollen. Dabei wird zwischen der christlichen Religion und der christlichen Kirche einerseits,' Religionslehren und Religionsgeboten andererseits unterschieden. „Die Religionslehren und Religionsgebote des Christentums sind und bleiben Vernunft." Die christliche Kirche lehre zwar, daß Jesus „wesentlicher Gott oder eine Person in Gott", daß er auferstanden und gen Himmel gefahren sei und im Weltgericht wiederkommen werde; sie habe die Lehre von der Erbsünde, von der Dreieinigkeit und von der übernatürlichen Offenbarung der Heiligen Schrift. „Jedoch weiß die christliche Religion von den meisten dieser Lehren nichts." ... Für diese vier Punkte, die nach der Ansicht des Verfassers nicht wesentlich zum Christentum gehören, bringt er Beweise aus dem Neuen Testament. Dabei ist interessant, daß er Begriffe wie Logos, Memra, Metatron, Sch'china benutzt, um zu zeigen, daß schon die Juden die „nämlichen Benennungen und außerordentlichen Vorzüge, welche sie dem Logos beilegten", auch dem Messias beigelegt haben. So wie sie aber den Logos dem höchsten Gott untergeordnet hätten, so sei auch der Messias nur ein Werkzeug Gottes, nicht aber Gott selbst. Diese jüdische Lehre vom Logos haben dann Jesus und seine Apostel auf seine Person angewandt. Niemals aber hätten sie gesagt: „Man müsse, um selig zu werden, glauben, es sei ein Logos und Jesus sei der Logos." Jesu Tod konnte nie „unmittelbar wie durch einen Zauberschlag" moralische Besserung der Menschen bewirken. Nur der Glaube, daß Jesus für seine Lehre gestorben sei, vermag einen Sünder zu bessern. Das ganze Bemühen des Verfassers, Jesus im Zusammenhang der „reinen" jüdischen Lehre zu sehen, wird erst zum Schluß der Schrift deutlich, wo er es unternimmt, die Aussprüche der Bergpredigt mit Philo und dem talmudischen Schrifttum zu vergleichen. In bezug auf die Taufe ist er der Anschauung, daß Jesus sie nicht „neu eingesetzt, sondern aus der jüdischen Kirchenordnung aufgenommen" habe, sie sei nicht als Bedingung für die Seligkeit, sondern als ein Hilfsmittel seiner Religion zu derselben und an die Zeit gebunden. Ähnlich verhalte es sich mit dem Abendmahl. So sei denn „das eigentliche Christentum durchaus reine Vernunftreligion ohne alle positive Zusätze ..." Mit dem Wunsche nach einer „vernünftigen Religion für alle Menschen" schließt dieses Sendschreiben an David Friedländer, das bisher nirgends im Zusammenhang mit seinen Gedanken behandelt worden ist4). 4) In der Bibliotheca Judaica von Fürst und von hier aus wohl auch in der Encyclopaedia Judaica wird die Schrift unter die Werke David Friedländers gezählt. Ich halte das für einen Irrtum. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß 1794 ein Jude ohne jede Hemmung über das Christentum und seine Stellung innerhalb der Aufklärung geschrieben hätte. Auch scheint die sehr stark christologische 95