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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 94

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
Date
1936-01-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo Wenn Friedländer dem Zeremonialgesetz zwar keinen schädlichen Einfluß auf das sittliche Leben der Juden zuschreibt, so sieht er doch in ihm ein Hindernis an der Ausübungder staatsbürgerlichen Pflichten. Der Erlangung der Staatsbürgerrechte aber gilt sein ganzes Streben, aus Selbsterhaltungstrieb, mehr noch aber um der kommenden Generation willen. Viele Juden seiner Zeit haben das Problem durch die Taufe zu lösen versucht. Er rückt von den Getauften ab: „... diese Männer können uns nicht zum Muster oder Vorbilde dienen" (63). Nicht Furcht vor der Verleumdung läßt ihn und seinen Kreis vor der Taufe zurückschrecken, vielmehr die Angst vor dem sacrificium intellectus, das ihnen verbiete, ohne Vorbehalt zum Christentum überzugehen. Die Vernunftwahrheiten im Christentum seien wohl dieselben wie im Judentum: Monotheismus, Unsterblichkeit der Seele, Bestimmung des Menschen zur Glückseligkeit. Die Dogmen des Christentums aber, die Lehre vom Sohne Gottes, das Sakrament der Taufe und des Abendmahls gehören in die Reihe der Geschichtswahrheiten, die bei dem augenblicklichen Stand der Aufklärung in Widerspruch zu den Vernunftwahrheiten stehen. Vielleicht, so meint Friedländer, könnten die Juden „des Schleichweges" sich bedienen, indem sie „den Sätzen, die den Vernunftwahrheiten widersprechen, einen anderen Sinn unterschieben, sie so deuten, daß aller Widerspruch wegfällt", aber diesen Weg lehnt er ebenso entschieden ab wie den bedingungslosen Übergang der Juden zum Christentum. Dennoch aber schwebt ihm das Ideal einer Glaubensvereinigung auf der Basis eines geläuterten Christentums vor, und so wagt er denn schließlich die entscheidende Frage an den Oberkonsistorialrat Teller, welches öffentliche Bekenntnis er, der Aufklärer, in ähnlicher Lage, ablegen oder fordern würde. Friedländer, der alle jüdischen Zeremonien strikt abgelehnt hat, scheut nicht die Erklärung, daß er bereit wäre, die Taufe als eine Aufnahmeform ins Christentum anzuerkennen, freilich nicht ganz bedingungslos: „Wohlverstanden, daß wir im Grunde voraussetzen, diese Zeremonien werden nur als Handlung, Gebräuche gefordert, um zu bekunden, daß das aufgenommene Mitglied die ewigen Wahrheiten aus Überzeugung angenommen und sich den daraus fließenden Pflichten als Mensch und als Staatsbürger unterwirft, nicht aber als Zeichen, daß derjenige, der sie vollzieht, stillschweigend eingesteht, er nehme die Dogmen dieser Gesellschaft gläubig an" (86). Den Einwand, man solle auf jüdischer Seite den allmählich größer werdenden Einfluß der aufgeklärten Juden abwarten, erledigt Friedländer durch den Hinweis auf seine und seiner Freunde geringe Wirkungsmöglichkeiten. Er gibt ferner zu, daß die ewigen Wahrheiten, von denen er gesprochen, „zwar die Religion einzelner Männer, aber nicht Volksreligion sein oder lange bleiben" können (84 f.). Und auch daran erinnert er in diesem Zusammenhang noch einmal ganz offen, daß die von ihm erhoffte Glaubensvereinigung ihm den Weg zur staatsbürgerlichen Eingliederung der Juden in Preußen bedeute. Friedländers Sendschreiben ist nicht ganz unvorbereitet erschienen; seinen Gedanken begegnen wir in einer anonymen Schrift und drei anonymen Aufsätzen, die kurz vorher veröffentlicht wurden. 94

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