Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 1)
- Language
- German
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Ellen Littmann. David Friedländers Sendschreiben an Probst Teller und sein Echo Schleiermacher ironisch, und gegen ähnliche Vermutungen jüdischer Kreise wehrt sich Friedländer erregt in Briefen an Meier Eger aus Glogau: „Sie haben mir schon von Frankfurt aus einen Brief zukommen lassen, wovon ich zwar nicht viel verstand, aber so viel konnte ich merken, daß ihr Auge tränte, weil man ihnen gesagt, daß ich das herzkränkende Sendschreiben an den Gelehrten Teller verfaßt habe. Ich erhalte gestern wieder ein Schreiben und bin ebenso verwundert, Sie froh und wohlgemut zu sehen, da ihnen bekannt geworden, daß ich dieses Sendschreiben nicht verfaßt habe. Wenn ich nicht gewußt, was anfangs, ihr Schmerz, so weiß ich nicht, was nun ihre Freude sein soll ... Die Frage darf bei solchen Untersuchungen, als die genannte Schrift aufstellt, nicht sein, wer sie geschrieben, sondern wie sind die Untersuchungen beschaffen, sind sie mit Geist, mit Wahrheit und Vernunft geschrieben?"2). 1819 lüftete Friedländer den Schleier der Anonymität und bekannte sich öffentlich zu seinem Sendschreiben: „Die verehrenswerten Männer___, die diesen Aufsatz zur Hand nehmen, erlaube ich mir auf eine kleine Schrift aufmerksam zu machen, die etwa vor zwanzig Jahren erschienen ist. Sie erschien damals im Einverständnis mit einigen sehr erprobten Freunden____Sie war mir, dem Verfasser, nach so langer Zeit ziemlich fremd geworden .. ,"3). In der Schrift „An die Verehrer, Freunde und Schüler Jerusalems, Spaldings, Tellers, Herders und Löfflers" (1823) äußert er sich in ähnlichem Sinne: „Das Sendschreiben ... führte meinen Namen nicht Ich habe mich aber späterhin dazu bekannt." Das „Sendschreiben" beleuchtet die politische und geistige Situation der Juden unter verschiedenen Gesichtspunkten; dabei nimmt die historische Darstellung einen oft allzu breiten Raum ein, während das, was die Schrift bezweckt, auf wenige Seiten zusammengedrängt wird. Das Charakteristische für die geistige Lage der Juden seiner Zeit sieht Friedländer in ihrer Erziehung, deren wesentliche Faktoren Talmud und Zeremonialgesetz bildeten. Ihm und seiner ganzen Generation sei der Talmud früher als die Bibel in die Hand gegeben worden. Das Zeremonialgesetz, im elterlichen Hause mit Strenge beobachtet, bewirke zwar, „daß der Hang zum Spott und das Aufsuchen des Lächerlichen im Zaum gehalten würde", habe aber die Trennung von den übrigen Bürgern verursacht. Die Bibel enthalte „ewige Wahrheiten" über Gott und die Seele, die selbst die Christen als Grundwahrheiten anerkennen. Da Mose diese abstrakte, subtile Lehre einem nicht genügend vorbereiteten Volke brachte, gab er ihm das Zeremonialgesetz, dessen Maxime gewesen sei: nur Tun und Lassen vorzuschreiben, zum Nachdenken aber bloß zu veranlassen" (21). Im Gefolge der Zerstreuung der Juden in alle Länder und ihrer langen Leidensgeschichte seien die erhabenen Lehren der Religion immer mehr in den Hintergrund, das Zeremonialgesetz immer mehr in den Vordergrund getreten. Dazu sei dann der Glaube an den Messias mit der Hoffnung auf Rückkehr der Juden in ihr Land gekommen. Auch in der Entwicklung des christlichen Mittelalters sieht Friedländer eher Rückschritte, im Sittlichen sowohl wie im Geistigen: erst die Reformation bringe den Fortschritt, mit dem die Juden nun nicht mehr Schritt gehalten haben. Wenn auch die Juden viel lernen müßten, um den Vorsprung einzuholen, so bedürfe es doch nach Friedländers fester Überzeugung auf jüdischem Gebiet nur des Abstreifens der Zeremonialgesetze, um „die geläuterten Lehren" des Judentums mit den allgemein geltenden Anschauungen von Religion und Aufklärung in Einklang zu bringen. Hierin liege ein großer Vorzug des Judentums gegenüber dem Christentum, dessen Dogmengläubigkeit ihm sehr bedenklich erscheint. In der Polemik gegen das Sendschreiben spielt diese These eine nicht unerhebliche Rolle. 2) L. Geiger, ZGJDI (1887), S. 271 f. 3) Über die Verbesserung der Israeliten im Königreich Polen, S. IX f. 93