Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländer und die politische Emanzipation der Juden in Preußen
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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Ismar Freund. David Friedländer und die politische Emanzipation der Juden in Preußen Staat zu leistenden Abgaben, sondern auch für Diebstähle oder betrügerische Bankrotte des einzelnen Juden die Gesamtheit solidarisch aufzukommen hatte. So zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt, auf die man den Verdacht einer besonderen Neigung zu Diebstahl und Betrug warf, von den ehrbaren Berufen der christlichen Welt, dem Staatsamt, dem zünftigen Handwerk, der Handwirtschaft ausgeschlossen, in der Hauptsache auf den Handel, namentlich auf den Schacherhandel angewiesen, durch hoch emporgetriebene Steuern zu intensivster Ausnutzung der ihnen belassenen Erwerbsmöglichkeiten gezwungen, in den primitivsten Menschenrechten, dem Recht auf Heirat, Fortpflanzung und Selbständigkeit naturwidrig beschränkt, körperlich und geistig aus der normalen Bahn geworfen, bildeten sie den Pariastand im preußischen Staate. Im schroffsten Widerspruch zu dieser Rechtslage stand der Aufstieg, den in den letzten Jahrzehnten der Regierung Friedrichs des Großen nicht wenige, besonders Berliner Juden genommen hatten. Durch Anlage von Fabriken, die der König in jeder Weise begünstigte, durch großartige Unternehmungen verschiedener Art, waren sie zu Wohlstand, manche zu Reichtum una Einfluß gelangt. Der Geist einer neuen Zeit hatte bei ihnen Eingang gefunden. Unter dem Einfluß Moses Mendelssohns hatte sich allgemeine Bildung unter ihnen verbreitet. Ihr Selbstgefühl war erstarkt, ihr Ehrgefühl empfindlicher geworden. Kurz: ihre gesellschaftliche und kulturelle Stellung hatte sich in einer Weise gewandelt, daß zwischen ihr und ihrer rechtlichen Lage eine tiefe Kluft bestand. Exponent dieser Kreise war wie kein Zweiter David Friedländer. Einer der angesehensten jüdischen Familien Königsberg entstammend, mit der Tochter Daniel Itzigs, einer der reichsten und einflußreichsten Berliner Juden, verheiratet, als Begründer und Eigentümer einer blühenden Seidenfabrik selbst in angesehenster kaufmännischer Stellung, einer der begeistertsten Anhänger und Verehrer Mendelssohns, von ihm befruchtet und durch ihn in die deutsche Geisteswelt eingeführt, schon durch seine geschäftlichen Beziehungen in persönliche Verbindung mit christlichen Kreisen gebracht, mußte er, in besonderem Maße, die durch die Gesetzgebung geschaffene Lage als zeitwidrig, unwürdig und unerträglich empfinden. Dieser Umstand, verbunden mit seinen Geistesgaben, einem klaren Verstand, schriftstellerischer Gewandtheit, leidenschaftlicher Empfindung, mußte ihn geradezu zum Vorkämpfer der Juden im Kampfe um Ihre bürgerliche Befreiung prädestinieren. III. Wenige Monate nach dem Tode Friedrichs des Großen und der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IL, am 6. Februar 1787, unterbreiteten die Berliner Oberlandesältesten und Ältesten im Namen sämtlicher Judenschaften der Monarchie dem König eine Bittschrift3), in der sie um Ernennung einer Kommission baten, die mit einigen von ihnen gemeinsam Mittel und Wege ausfindig machen sollte, ihren Zustand zu verbessern und sie für den Staat nützlicher zu machen. Der König nahm die Eingabe günstig auf, die Oberlandesältesten wurden aufgefordert, ihre Vorschläge einzureichen. Deputierte der verschiedenen preußischen Gemeinden wurden nach Berlin berufen. Diese informierten eine aus ihrer Mitte bestellte Kommission über ihre besonderen örtlichen Verhältnisse, ihre Beschwerden und ihre Wünsche. Aus der Mitte der Kommission wieder wurden einige Generaldeputierte gewählt, um die An- 3) Abgedruckt bei Geiger a.a.O., S. 159f. 78