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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 75

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 2-3
Article
David Friedländer und seine Zeit
Date
1936-01-01
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Ernst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit geschichtlichen Schöpfungen wie Religion, Wissenschaft, Poesie und Staat zur Erkenntnis und entwickelte so im Menschen des 19. Jahrhunderts ein stärkeres Gefühl sozialen, nationalen und kirchlichen Zusammenhangs, eine geschichtlich begründete Achtung vor den großen Gestalten des Glaubens und des Staatslebens17). Wenn Teller, der in seinem Buche als Ziel des Christentums das Aufgehen der Religion in die Moral betrachtet und von der „vollkommeneren Religion" nichts* als durchaus praktisches Wissen von Gott, seinen Wohltaten, seinem Willen und allen seinen Veranstaltungen zur Glückseligkeit der Geschöpfe wie des Menschen fordert, vor den Konsequenzen zurückschreckte, als Friedländer mit den Seinen bekenntnislosen Eintritt in das Christentum begehrte, so konnte Schleiermacher von seiner tief innerlichen Gläubigkeit aus Friedländers Absichten nur mit geringschätzender Ironie behandeln. Indem dieser aber selbst Dogmatiker seines Rationalismus geworden war, verkannte er die Idee der Religion und damit die Idee des Judentums und des Christentums, übersah er aber auch die neuen starken religiösen Impulse, die sich als Reaktion gegen den nüchternen und kalten Moral- und Verstandeskult bildeten. Mit Recht konnte Herder wenige Jahre nachher sagen, „daß, als am Ende des 18. Jahrhunderts sich einige jüdische Hausväter einem neu gebildeten aufgeklärten Christentum auf Bedingungen associieren und affilieren wollten, niemand darauf merkte"48). Das Sendschreiben an den Probst Teller war mehr als ein Fehlschlag, es war Ausdruck einer Krisis innerhalb des Judentums dieser Zeit oder besser: einer gewissen Schicht innerhalb dieses Judentums; es wirft einen Schatten auf die Gestalt Friedländers, daß er diese Krisis nicht erkannte oder, wenn er sie erkannte, das verkehrteste Mittel wählte, um ihr entgegenzutreten. In um so hellerem Lichte aber erscheint uns seine Persönlichkeit, wenn wir seinen mannhaften von tiefstem Verantwortungsbewußtsein getragenen Kampf für die Gleichberechtigung der Juden in Preußen verfolgen. Von dem Tage an (17. März 1787), an den „die Deputierten der sämtlichen jüdischen Kolonien in den preußischen Staaten" ihre erste Eingabe an die von Friedrich Wilhelm II. eingesetzte Kommission zur Reform des Judenwesens machten, bis zum Erlaß des Judenemanzipationsedikts von 1812 ist Friedländer die treibende Kraft im Kampf gewesen. Immer wieder, auch nach Rückschlägen, und wenn die erhoffte Reform am Widerstände der Bürokratie zum Erliegen zu kommen drohte, erhebt Friedländer seine Stimme. Die von ihm entworfenen und veröffentlichten „Aktenstücke" zeigen seine bis ins einzelne gehende Kenntnis der Verhältnisse (wie besonders die sehr interessante jüdische Kriminalstatistik für das Jahr 1789 beweist)49), seine praktische Gewandtheit, seine Uneigennützigkeit und sein nur der Gesamtheit, nicht einzelnen Bevorrechtigten oder gar Familienangehörigen gewidmetes Streben50). Seine vielfachen Beziehungen zu führenden Männern der Zeit ermöglichten es ihm, in brieflicher oder persönlicher Aussprache seine Wünsche für die jüdische Gemeinschaft zur Sprache zu bringen, über zwei Jahrzehnte dauerte dieses Ringen um das Recht, Staatsbürger nicht nur zu heißen, sondern auch zu sein, bis dann durch die Übernahme des Ministeriums durch Hardenberg 1810 die Dinge in schnelleren Fluß kamen. Als er das Steuer der Regierung ergriff, faßte er auf eine Anregung der Deputierten der jüdischen Gemeinden, besonders Friedländers, den Entschluß, an Stelle des alten Schrötterschen Entwurfes einen neuen ausarbeiten zu lassen, der dann später Friedländer zur Begutachtung übermittelt wurde. «) W. Dilthey, Fr. Schleiermacher in ADB, XXXI, S. 450. *s) Herders Werke 1829, Bd. XII, S. 218. 49) Vgl. zu Friedländers politischer Tätigkeit weiter unten Ismar Freund, S. 77 ff. 50) L.Geiger, Briefe D.Friedländers (in: Zeitschr. f. d. Gesch. d. Jud., I, 1887, S.256). 75

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